Artikel der Ausgabe 1/2010:

Thema: Was heilt? Heilsame Ansätze in Medizin und Psychotherapie

Editorial

Liane Hofmann, Edith Zundel

Liebe Leserinnen und Leser,

das vorliegende Themenheft trägt den Titel „Was heilt? Heilsame Ansätze in Medizin und Psychotherapie.“ Dabei wollten wir der Frage nachgehen, welche Faktoren zur Entwicklung eines heilsamen Gesundheitssystems beitragen könnten. Die Frage „was heilt?“ berührt sehr viele Gebiete und nicht zuletzt unser eigenes Leben und Sterben. Von daher kann ein solches Themenheft sicher nicht den Anspruch erheben, das Spektrum der möglichen Antworten auf diese Fragen in seiner ganzen Vielfalt abzudecken. Und folglich galt es eine Auswahl zu treffen. Wir haben hierbei versucht, sowohl ein möglichst breites Spektrum an Perspektiven im Hinblick auf diese Frage als auch konkrete Ansätze der Heilung aus Vergangenheit und Gegenwart zu berücksichtigen. Lässt man die Texte in der Gesamtschau auf sich wirken, so fällt auf, dass sich hinsichtlich der Frage, was ein heilsames Gesundheitssystem ausmacht, im Wesentlichen zwei Antworten herauskristallisieren: Von essentieller Bedeutung ist nach Ansicht der Autorinnen und Autoren, dass die in der Gesundheitsversorgung Tätigen zum einen eine ganzheitliche, integrative oder integrale Perspektive auf das Gesundheits- und Krankheitsgeschehen einnehmen, und zum anderen, dass deren Sein und Handeln in grundlegenden menschlichen Qualitäten verankert sind.

Unser Heft beginnt mit dem Abdruck eines Vortrags, den Joachim Galuska bei dem Kongress „Medizin und Psychotherapie mit Geist und Seele“ 2009 in Bad Kissingen hielt. Dieser Artikel bietet eine sehr gute Zusammenschau dessen, was bei den Themen Gesundheit, Krankheit und Heilung an Medizinischem und Psychologischem, an Theoretischem und Praktischem, an Privatem, Institutionellem, Wirt- schaftlichem, Politischem und last but not least Spirituellem eine Rolle spielt.

Der Philosoph und Theologe Christoph Quarch entführt den Leser in die Welt des antiken Griechenlands und zu einer vorwissenschaftlichen, beseelten Heilkunst, in der Natur nicht beherrscht, sondern in ihren Heilungskräften unterstützt wird und innere Maßstäbe, kosmische Harmonie und vor allem die Heilkraft der Liebe wichtig sind.

Der Psychiater Roger Walsh stellt die älteste, weltweit verbreitete und vielerorts auch heute noch ausgeübte Heilkunst der Schamanen vor. Interessant sind die Techniken, mit deren Hilfe sie veränderte Bewusstseinszustände herbeiführen und mit Geistern arbeiten, um zu heilen. Ebenso nutzen sie aber auch körperliche, soziale und psychologische Therapieformen, und, um „Communitas“zu schaffen, Rituale und Tänze, in die der ganze Stamm einbezogen wird. Und überall spielt die Natur dabei eine wesentliche Rolle.

Der Religionswissenschaftler Michael von Brück beschäftigt sich mit dem Thema Medizin im Kontext der Kulturen. Sein Artikel macht einmal mehr deutlich, dass die Berücksichtigung verschiedener Perspektiven im Heilungsgeschehen nicht eine Erfindung der postmodernen integralen Ansätze ist, sondern vielmehr auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Von Brück plädiert dafür, unterschiedliche Verfahrensweisen und Wissenssysteme als komplementär zu betrachten. Die verschiedenen Kulturen, einschließlich deren medizinische Überlieferungen, können und sollten seiner Ansicht nach voneinander lernen, um die Potentiale des Menschlichen ausschöpfen zu können.

Klaus-Dieter Platsch, Internist und Dozent für chinesische Medizin, nutzt sowohl das westliche als auch das östliche Wissen und Können in seiner Praxis. Aber Heilung geschieht für ihn jenseits von Methoden und therapeutischen Interventionen in einem heilenden Feld, das – in Analogie zum Quantenfeld – als ein Meer aller Möglichkeiten wirkt, aus dem heraus sich Heilungsprozesse gestalten können.

Akincano M. Weber, Dharmalehrer und Core-Therapeut, ergänzt in diesem Folgeartikel seine Ausführungen zum begrifflich-konzeptuellen Verständnis von Achtsamkeit innerhalb deren buddhistischen Ursprungskontextes um die therapeutisch-anwendungsbezogene Dimension. Neben einem Überblick über gegenwärtige achtsamkeitsbasierte psychotherapeutische Ansätze beinhaltet der Artikel eine ausführliche Darstellung der Core-Process-Therapie, die in ihrem Verständnis und in der Anwendung von Achtsamkeit noch sehr eng an das traditionelle buddhistische Verständnis angelehnt ist. Der Autor schließt mit einer kritischen Würdigung von modernen westlichen achtsamkeitsbasierten verhaltenstherapeutischen Ansätzen einerseits und dem traditionellen Verständnis derselben andererseits.

Liane Hofmann und Christian Roesler beschäftigen sich auf eine sehr feinfühlige und tiefgründige Art mit dem Archetyp des verwundeten Heilers. Ihr Artikel kreist um die Fragen „auf was will uns der uralte Mythos des verwundeten Heilers hinweisen?“, „was können wir daraus für unsere psychotherapeutische und ärztliche Tätigkeit schöpfen?“, „was lehrt uns die Wunde oder vielmehr der Prozess des Verwundetwerdens, des Verwundetseins und des Wieder-heil-Werdens?“ und „welche Dynamiken liegen der Heiler-Patient-Dyade zugrunde und welche Potentiale und Gefahren bergen diese?“ Die beiden Autoren gelangen zu dem Fazit, dass Heilen eine auf eigener Erfahrung basierende, verkörperte Haltung sei.

Diese Ausgabe schließt mit einem kurzen Text von Rachel Naomi Remen, einer Pionierin der ganzheitlich ausgerichteten Medizin aus den USA.

Abschließend bleibt zu sagen, dass uns die Arbeit an diesem Themenheft sehr viel Freude bereitet und dazu angeregt hat, diesen Fragen weiter nachzugehen. Wir hoffen, dass es Ihnen ähnlich ergehen wird und dass Sie in diesem Heft den einen oder anderen Gedanken finden werden, der Sie dabei unterstützt, Ihre eigenen heilsamen Ansätze und Lösungen zu entwickeln. Und vor allem natürlich, dass Sie das eine oder andere davon in Ihrer professionellen Praxis oder Ihrem privaten Alltag anwenden und leben können. 

Psychotherapie und Medizin mit Geist und Seele

Dr. Joachim Galuska

Wir brauchen eine intelligente Medizin mit Geist und Seele, eine intelligente Psychotherapie mit Bewusstsein und eine intelligente Gesundheitsversorgung, die uns Menschen dient, unserem Leben und Sterben. Letztlich ist dies eine humane Medizin von Menschen für Menschen. Es geht dabei um eine Weiterentwicklung unseres Bewusstseins als im Gesundheitssystem Tätige. Es geht primär um eine Verankerung in unserem Geist und unserer Seele und damit beispielsweise um eine „beseelte Medizin“, eine „beseelte Psychotherapie“ und eine patientenorientierte Gesundheitsversorgung.

Schlüsselwörter

beseelte Psychotherapie, beseelte Medizin, Seelenverankerung, Patientenorientierung, Mehrperspektivität, Ganzheitlichkeit

Philosophia – oder: Von der beseelten Heilkunst

Christoph Quarch

Der Artikel votiert für eine Integrale Heilkunst als zukunftsfähiges Konzept ärztlicher Praxis. Zunächst entwickelt er im Gegenüber zu der systembeherrschenden, von empirischer Wissenschaft dominierten Medizin ein Verständnis von Heilkunst, das in seinen Grundzügen von der Interpretation des menschlichen Lebens durch die griechische Philosophie geprägt ist. Zentral darin ist die Deutung von Heilung als naturgemäße Wiederherstellung der umfassenden psycho-somatischen Harmonie des Menschen kraft der in ihm wirkenden systemischen Intelligenz (psyché/Seele). Ärztliches Tun versteht sich vor diesem Hintergrund als unterstützende Intervention der Selbstheilungskräfte der psyché. Es nimmt Maß am individuellen inneren Gleichgewicht des Patienten und zieht dabei die Befunde der wissenschaftlichen Medizin zu Rate. Es integriert verschiedene medizinische Verfahren, die im Dialog von Arzt und Patient zu einer therapeutischen Begleitung verschmelzen.

Schlüsselwörter

integrale Heilkunst, wissenschaftliche Medizin, griechische Philosophie, Seele, Harmonie, Gesundheit, Liebe, ärztliche Hermeneutik

Grundsätze und Methoden schamanischen Heilens

Roger Walsh

Schamanen sind für transpersonale Psychologen gleich aus mehreren Gründen interessant. Sie entwickelten als erste eine systematische „Technik der Transzendenz“, mit deren Hilfe sie veränderte Bewusstseinszustände herbeiführten, die sie nutzten, um zu lernen, zu helfen und zu heilen. Viele tausend Jahre lang haben sie diese Technik über Länder- und Kulturgrenzen hinweg weitergegeben, was den Schamanismus zur ältesten und langlebigsten transpersonalen Heilmethode macht.

Schlüsselwörter

Schamanismus, Heilung, Psychotherapie, Ritual, Bewusstseinszustand

Krankheit und Heilung im Kontext der Kulturen

Michael von Brück, Redaktionelle Bearbeitung: Edith Zundel

Lebewesen, auch der Mensch, entwickeln sich in einem komplexen Wechselspiel zwischen Körper und Geist, die wiederum in ständiger Interaktion mit der sozialen und geosphärischen Umwelt sind. Und das Ganze wird umfasst vom göttlich bestimmten Universum. Krankheit wird als Störung des Verhältnisses des Menschen a) zu sich selbst, b) zur Umwelt und c) zum Universum betrachtet. Generell gibt es keinen Körper ohne Information und Struktur (das Geistige) und keinen Geist, der sich nicht physisch ausdrücken würde. Das Geistige hat damit auch für die Heilung große Bedeutung.

Alte Kulturen sind durchgehend ganzheitlich und religiös bestimmt, ihre Medizinsysteme und was sie als wirksam betrachten, dürfen wir nicht durch die Brille unserer Vorstellung und unseres Wissenschaftsbegriffes betrachten. Es empfiehlt sich, sie als komplementär zum westlichen wissenschaftlichen Denken und medizinischem Tun zu begreifen, unseren eigenen Wissensbegriff zu erweitern und auch unser Heilen ganzheitlicher zu gestalten.

Schlüsselwörter

Körper, Geist, Umwelt, Universum Bedeutung des Bewusstseins, Krankheitsbegriff, Medizinsysteme asiatischer Kulturen

Was heilt? Paradigmenwechsel in eine neue Medizin

Klaus-Dieter Platsch

Heilung geschieht jenseits von Methoden und therapeutischen Interventionen. Das heilende Feld – in Analogie zum Quantenfeld – wirkt als unbegrenzte Ressource, als ein Meer aller Möglichkeiten, aus dem heraus sich grundlegende Heilungsprozesse gestalten können. Dazu ist es notwendig, das gängige materielle Paradigma zu überschreiten, um jenseits der gewohnten Subjekt-Objekt- Trennung die Einheit allen Lebens wiedererfahren zu können, was bereits wesentlich zum Heilungsgeschehen beiträgt. Heilung bezieht alle Seinsebenen des Menschen mit ein – Physis, Psyche und transpersonales Sein. Ganzheitlich arbeitende ÄrztInnen und TherapeutInnen umfassen dieses Spektrum. Eine zukunftsweisende neue Medizin wird notwendigerweise neue heilsame Bilder, einen neuen heilsamen Umgang mit Krankheit und Heilung und die Entwicklung heilsamer innerer Haltungen in Verbindung mit dem höchsten Bewusstsein und in tiefstem Bezug zur Quelle des Lebens erschaffen.

Schlüsselwörter

Heilung, heilendes Feld, Paradigmenwechsel in der Medizin, neue Medizin, heilsame Bilder und Haltungen, Meer aller Möglichkeiten, ganzheitliche Therapie

Achtsamkeit – ein Begriff zwischen den Welten

Akincano M. Weber

Der Darstellung des buddhistischen Verständnisses von Geistesgegenwart (sati)2 folgt hier ein Blick auf Geistesgegenwart im Westen – als Konzept und Praxis von ›Achtsamkeit‹ in zeitgenössischen Therapieansätzen. Aus einem buddhistischen Verständnis von Geistesgegenwart ist die Umdeutung von ›Achtsamkeit‹ und ihre Herauslösung aus ethischen, absichtsbezogenen, affektiven und erkenntnismäßigen Kontexten nicht unproblematisch. – Am Beispiel der Core Process Psychotherapy wird eine von der Vision kontemplativer Geistesgegenwart geprägte therapeutische Arbeit skizziert.

Schlüsselwörter

Achtsamkeit, Geistesgegenwart, Gewahrsein, kontemplative Psychotherapie, Sati

Der Archetyp des verwundeten Heilers

Liane Hofmann, Christian Roesler

Der vorliegende Artikel befasst sich mit der Metapher des „Verwundeten Heilers“ und deren Implikationen für unsere zeitgenössische medizinisch-psychotherapeutische Versorgung. Die menschlichen Grunderfahrungen und die daraus resultierenden Einsichten, die im Mythos des verwundeten Heilers ihren Ausdruck finden, scheinen uns auch heute noch von ungebrochener Relevanz und Aktualität für in Heilberufen tätige Personen zu sein. Dabei hat es den Anschein, dass diese das gleichsam komplementäre und von daher notwendige Gegenstück zu den derzeit in der Ausbildung zum Arzt und Therapeuten dominierenden Aspekten bilden. Zum einen wollen wir uns mit den zentralen Deu- tungsmöglichkeiten und therapeutischen Qualitäten befassen, die mit der Chiffre des verwundeten Heilers assoziiert sind. Zum anderen sollen wesentliche theoreti- sche Überlegungen von Jung und seinen Nachfolgern zu den Voraussetzungen für das Zustandekommen einer heilwirksamen Arzt/Therapeut-Patient-Beziehung herausgearbeitet werden.

Schlüsselwörter

verwundeter Heiler, Therapeut-Klient-Beziehung, interaktives Feld, Archetyp, Therapeutenqualitäten, Gesundheitsversorgung, Ganzheit

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