Artikel der Ausgabe 1/2012:

Thema: Mystik des 21. Jahrhunders

Editorial

Ulla Pfluger-Heist, Harald Piron

Liebe Leserinnen,
 Liebe Leser,


der Themenschwerpunkt dieses Heftes – Mystik des 21. Jahrhunderts – vereinigt Beiträge, die die Mystik und Spiritualität des (post-)modernen Abendlandes oder zentrale Konstrukte, die der Mystik entnommen wurden, zum Inhalt haben. Kennzeichen der Mystik in der Postmoderne sind das Verbindende – zwischen Ost und West sowie zwischen religiöser Tradition und der durch Säkularismus und Materialismus geprägten modernen Welt (Beitrag von Pia Gyger), zwischen Geist und Sinne (Beitrag von Thomas Yeomans), zwischen Mystik bzw. Weisheit und Psychotherapie (Beiträge von Harald Piron und Ulla Pfluger-Heist), zwischen Transzendenz und Forschung (Beitrag von Cornelius von Collande) – sowie die fließenden Übergänge zwischen authentischer Spiritualität und Pseudo-Esoterik (Beitrag von Michael Utsch).

Die Mystik, wie sie heute in unserer westlichen Kultur (wieder) präsent ist, hat verschiedene Wurzeln: Zum einen gründet sie in einer Meditationspraxis, der Kontemplation, die schon auf Mose, Jesus und die „Wüstenväter“ zurückgeht, die geraume Zeit in der Stille und Einsamkeit der Wüste verbrachten, um Gott oder dem Göttlichen näher zu kommen. So schrieb z.B. der Wüstenvater Evagrius Pontikus im 4. Jh.: „Entferne die zerstreuenden Gedanken aus deiner Vorstellungswelt und lege alle irdischen Sorgen ab; denn sie stören dich und schwächen deine Kraft.“ – „Darum suche zur Zeit des Gebets unter keinen Umständen nach einem Gedankenbild.“ – „Glückselig der Verstand, der im Gebet vollkommenes Schweigen beachtet“ (zit. n. Manfred Rompf). Diese Tradition der gedankenfreien Meditation – im Christentum Kontemplation genannt – wurde im Mittelalter u.a. von Meister Eckehart (1260–1329, Johannes Tauler (1300–1361), Theresa von Avila (1515– 1565), Johannes vom Kreuz (1542–1591) und Gerhard Tersteegen (1697–1769) weitergetragen. In diesem Heft gibt der Beitrag von Harald Piron einen Einblick in die Stadien der christlichen Kontemplation nach Theresa von Avila und setzt sie in Bezug zu spirituellen Krisen, wie sie im heutigen psychotherapeutischen Kontext relevant sind. Die Zen- und Kontemplationslehrerin Pia Gyger stellt ein Projekt zur Überwindung kultureller und religiöser Schranken vor (Bsp. Jerusalem), das sie zusammen mit Niklaus Brantschen entwickelt hat. Mit den Fallstricken einer Pseudomystik befasst sich der Artikel von Michael Utsch. Er macht deutlich, dass die spirituellen Angebote, egal ob sie sich einer religiösen Tradition zuordnen oder einen eigenständigen neuen Weg propagieren, einer Qualitätskontrolle bedürfen. Mit Weisheit und Transzendenz im Licht der Wissenschaft befassen sich die nächsten beiden Artikel. Ulla Pfluger-Heist nähert sich über die Chaos-Forschung und Entwicklungspsychologie einer Phänomenologie der Weisheit und zeigt die Grenzen eines ausschließlich rationalen Modells auf, wie es beispielsweise in der Weisheitsforschung des Berliner Max-Planck-Instituts von Baltes und Staudinger vertreten wird. Ein Fallbeispiel ihrer Praxis veranschaulicht, wie Weisheit als ein innewohnendes Potenzial des Menschseins durch Psychotherapie freigelegt werden kann. Mit einer empirischen Studie zum von Wilfried Belschner entwickelten „Transzendenz- Training“ will Cornelius von Collande das Konzept der Transzendenz entmystifizieren und in ein psychologisches Kompetenz-Modell transferieren. Ihm gelingt der Nachweis einer empirisch erfassbaren Steuerungskompetenz im Navigieren zwischen verschiedenen Bewusstseinszuständen. Der abschließende Beitrag – als krönender Abschluss – gebührt dem Psychosynthese-Trainer Thomas Yeomans. Er ver- anschaulicht und versinnlicht die Tiefe der Mystik und Essenz des Transpersonalen auf eine jedem Menschen zugängliche Weise, nämlich auf dem Weg der Schönheit.

Unsere Zwischentexte hat Christiane Liptak aus der Ausstellung: Mystik – Die Sehnsucht nach dem Absoluten, die in Zürich vom 23. September 2011 bis zum 15. Januar 2012 zu sehen war, mitgebracht. Von ihr stammt auch das Foto „Licht auf dem Wasser“ (S. 87), aufgenommen am Bodensee.

Viele Inspirationen, besinnliche und transzendente Erfahrungen wünschen

Die Seelenburg von Teresa von Avila und ihre Bedeutung für die Psychotherapie

Harald Piron

Die Seelenburg von Teresa von Avila ist eines der differenziertesten Stadien-Modelle der kontemplativen Entwicklung aus der christlichen Mystik. Es liefert auch heute noch eine unvergleichliche Fundgrube an wertvollem Material für die Probleme und Krisen auf dem Weg der Erleuchtung. In dieser zusammenfassenden Abhandlung wird jedes der sieben Stadien erläutert, mit authentischen Zitaten der Mystikerin belegt und jeweils mit Problemen der modernen Psychotherapie in Bezug gesetzt.

 

 

Schlüsselwörter

Gebet und Kontemplation, UnioMystica, Spirituelle Krisen, Transpersonale Psychotherapie

Mensch sein – Mensch werden Paradigmenwechsel und Bewusstseinsentwicklung

Pia Gyger

Im vorliegenden Artikel geht es um die große Zeitenwende, in der wir uns befinden – es geht um einen Paradigmenwechsel. Diese Zeitenwende hat viel zu tun mit den technologischen Möglichkeiten der Menschheit. Wir haben uns untereinander weltweit vernetzt und haben das All betreten. Es geht nun darum, dass wir diese technischen Möglichkeiten auch in unserem Bewusstsein einholen. Der Mensch braucht einen Sinn für die Erde, einen Sinn für die Menschheit und einen Sinn für den Kosmos. Der Artikel gibt Impulse, was wir jeden Tag tun können, damit sich diese Sinne in uns entfalten.

Schlüsselwörter

Wandel, Bewusstsein, Bewusstseinsveränderung, Verantwortung für die Menschheit und die Erde

Möglichkeiten der Qualitätssicherung auf dem Markt spiritueller Lebenshilfe

Michael Utsch

Religiöse und spirituelle Traditionen haben mystische Wege zur Begegnung mit einer umfassenden Wirklichkeit entwickelt. Heute werden auf dem Markt spiritueller Lebenshilfe vielfältige Angebote zur Kommunikation mit dem Göttlichen angeboten. Der Aufsatz zeichnet zunächst den Trend zur Spiritualisierung der Psychotherapie nach und stellt danach einige charakteristische Beispiele vor. Es wird für eine interne Qualitätssicherung plädiert, um Guruismus und Scharlatanerie einzudämmen, ohne dabei den fremden Glauben abzuwerten.

Schlüsselwörter

Spirituelle Lebenshilfe, Guruismus, Scharlatanerie, Qualitätssicherung

Wer Schmetterlinge lachen hört ...

Ulla Pfluger-Heist

Mit der bekannten Schmetterlings-Metapher aus der Chaostheorie und auch mit jener, mit der dieser Beitrag betitelt ist, werden die aktuelle Weisheitsforschung und die neuere Säuglingsforschung – auch anhand eines Beispiels aus der Praxis der Autorin – in eine Psycho-Synthese integriert, in einen Entwicklungsweg der Erkenntniskraft, deren höchstentwickelte Form Weisheit genannt wird. Eine solche Entwicklung kann nicht nur in der Aneignung und Erweiterung von spezifischen mentalen Kenntnissen und Fertigkeiten bestehen, sondern erfordert immer Transformation im Sinne einer Verdichtung, einer Selbst-Transzendenz, einer Synthese. Erkenntnisse aus der Säuglingsforschung untermalen, dass die Keime aller späteren möglichen Weisheitsentwicklung, die für eine Lebenskunst höchst erstrebenwert sind, in der menschlichen Bewusstseinsfähigkeit von allem Anfang an angelegt sind.

Schlüsselwörter

5 Säulen der Weisheit, Schmetterling, implizites Wissen, now moment, Wachheitsstern, moment of meeting

Gestärkt durch die Krise

Cornelius von Mitschke-Collande

Der folgende Beitrag referiert die wichtigsten Ergebnisse des Forschungsprojektes „Die Kompetenz der Transzendenzfähigkeit“. In dieser „Studie zur Bewusstseinsforschung“ wird das Konzept „Transzendenzfähigkeit“ eingeführt. Damit wird die abgrenzbare, hoch wirksame und lernbare Fähigkeit bezeichnet, ein beliebiges Problem aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen, die einen größeren seelischen Spielraum zur Verfügung stellt und somit prozessfördernd wirkt. Um den Begriff der Transzendenz vom spirituellen Nimbus zu befreien, wurde er auf drei unterschiedlichen Bewusstseinsebenen untersucht. Ausführlich widmet sich die Arbeit dem Prozessmodell der Transzendenz sowie der Transzendenzförderung. Mit Hilfe des in der Studie konstruierten „Fragebogens zur Transzendenzfähigkeit“ konnte ein Typus von Personen beschrieben werden, dem es gelingt, auch in existentiellen Krisen offen und konstruktiv interessiert zu bleiben. Transzendenzfähige fühlen sich in einen größeren Sinnzusammenhang eingebettet und haben so einen produktiven Umgang mit sich selbst und anderen. Sie weisen signifikant höhere Mittelwerte auf den Vergleichsskalen zur psychischen Gesundheit auf.

Schlüsselwörter

Transzendenz, Transzendenzfähigkeit, Bewusstseinsforschung, Problemlösen, Gesundheit

„Schönheit wird die Welt retten“

Thomas Yeomans

Der Artikel untersucht die Aussage, die einer Erzählung Dostojewskis entstammt: „Schönheit wird die Welt retten“ und setzt sie in Beziehung zu einer am Beginn des 21. Jahrhunderts neu aufkeimenden Spiritualität. Diese Spiritualität ist von globaler Reichweite und wurzelt in der unmittelbaren Wahrnehmung der allem Leben auf der Erde innewohnenden Schönheit und tiefen Ordnung. Wir alle können diese Erfahrung machen in jenen Momenten, in denen wir jegliche Identifikationen loslassen, die die Wahrnehmung dieser Realität von Schönheit begrenzen. Der Autor benutzt den Begriff „Kosmos“ (Pythagoras), um diese Erfahrung zu benennen, die gleichzeitig eine tiefe Verbundenheit mit dem ganzen Leben und die Verwirklichung seiner selbst als eines einzigartigen Wesens mit sich bringt.

Diese Spiritualität erfordert auch, dass wir die Projektion unserer Seele auf Gott zurücknehmen, und bringt die Erkenntnis mit sich, dass wir Menschen die „Retter Gottes“ (Kazantzakis) und Mit-Schöpfer des Göttlichen sind. Dies fordert unsere spirituelle Reife und Verantwortung ein und die Erkenntnis, dass die Erde der „Himmel“ ist, oder sie ist es nicht – je nachdem, wie wir als Menschen in unserem täglichen Leben denken, fühlen und handeln uns selbst, allen anderen Wesen und auch der Erde gegenüber. Wie die Ältesten der Hopi-Indianer sagten: „Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben.“ Diese Spiritualität begreift auch den Körper als göttlich und die Natur als heilig. Sie hängt von keiner religiösen Form ab, kann aber darin einfließen. In diesem Sinne spricht der Autor davon, dass Schönheit die „Welt retten“ wird.

Schlüsselwörter

Spirituelles Erwachen, Identifikation, Schönheit, Kosmos, globale Spiritualität, Gott, Körper, gewöhnliches Leben

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