Artikel der Ausgabe 1/2013:

Thema: Wissenschaft und Zen

Editorial

Harald Piron, Thilo Hinterberger

Auf den neuen Titel unserer Zeitschrift – „Bewusstseinswissenschaften“ –, den wir seit dem zweiten Halbjahr 2011 führen, reagierten einige unserer Leser mit Skepsis und Bedenken, da sie eine zunehmende Betonung von Theorie und Forschung befürchteten, andere mit Zustimmung und Begeisterung, weil der breite, multidisziplinäre Rahmen unserer Zeitschrift nun eine weniger fakultätsgebundene Bezeichnung erhält. Die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen den verschiedenen Geistes- und Naturwissenschaften wird betont und ihr gemeinsamer Nenner – als Hintergrund und Basis von „Wirklichkeit“, der die Grundlage und Voraussetzung für alle Erkenntnisprozesse geistiger und empirischer Art bildet und diese bedingt – wird nun selbst zunehmend zum Forschungsgegenstand eben dieser Wissenschaften: das Bewusstsein.

Das vorliegende Heft fokussiert kein spezielles Schwerpunktthema, sondern bietet einen repräsentativen Einblick in die Bandbreite der Bewusstseinswissenschaften. Im Zentrum steht das Bewusstsein selbst; ferner geht es um die gesundheitlichen, kulturellen, ethischen, spirituellen, „quantenphilosophischen“ und anwendungsbezogenen Aspekte in seinen verschiedenen Kontexten.

In den vergangenen Jahren 2011 und 2012 wurden vom Forschungsbereich Angewandte Bewusstseinswissenschaften des Universitätsklinikums Regensburg in Zusammenarbeit mit der Stiftung Bewusstseinswissenschaften zwei Symposien veranstaltet. Bisher wurden nur wenige der Beiträge dieser Veranstaltungsreihe veröffentlicht, obgleich das Interesse daran deutlich geworden ist. Daher haben wir uns entschieden, den Vortrag von Hinderk Emrich von 2011 sowie die Beiträge der Wissenschaftsforen des Symposiums 2012 gesammelt in diesem Band in komprimierter Form anzubieten.

Wie bisher wird bei der Artikelauswahl Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis von Theorie, Anwendung und Forschung gelegt, wobei die klassischen Trennungen zwischen ihnen ebenso (zunehmend) überwunden werden wie die fakultätszentrischen Blickwinkel der traditionellen Natur- und Geisteswissenschaften. Es wird auch deutlich, dass die transpersonale Dimension des Bewusstseins immer implizit enthalten ist und auf allzu kopflastige, oftmals als künstlich empfundene Abgrenzungen gegenüber dem sog. „Personalen“ verzichten kann.

Der Beitrag von Emrich fokussiert auf das Bewusstsein als eine allen Wissenschaften zugrundeliegende, implizit oder explizit vorausgesetzte, unverzichtbare Wirklichkeit, die sich in jeglichem Wahrnehmen, Erkennen, Forschen und Interpretieren ausdrückt. In seiner Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und Selbstreflektion weist es auf sich selbst zurück und erkennt sich als teilhabendes Subjekt in den verschiedenen Kontexten des Wahrnehmens und Forschens. Das Konstrukt einer objektiven Wirklichkeit, die das Subjekt bzw. das Bewusstsein ausklammert, wird hinfällig.

Horst Werner Peschel beschäftigt sich mit dem eher nicht-alltäglichen, aber dennoch weit verbreiteten Phänomen der Nah-Tod-Erfahrungen (NTE). Er berichtet über die verschiedenen Aspekte solcher Erfahrungen und des Umgangs damit aus der Perspektive des begleitenden Therapeuten und macht damit deutlich, wie heilsam ein vorurteilsfreier, wertschätzender und transpersonal offener Blickwinkel für den Klienten sein kann. Die Notwendigkeit eines neuen Paradigmas, das sich nicht länger der ausschließlichen Definition von Wirklichkeit über das Kriterium materieller Nachweisbarkeit verpflichtet fühlt, wird leicht nachvollziehbar.

Einem ebenso praktischen, aber mehr politischen Thema der Bewusstseinswissenschaften widmet sich Anselm Grün, wenn er die Notwendigkeit der gegenseitigen, verbindenden Beziehungen zwischen Politik, Ethik und Spiritualität betont und von Politikern fordert, sich auf eine spirituelle und ethische Grundlage zu stützen. Einen besonderen Stellenwert erhält dabei die spirituelle Erfahrung, die aber nie in einer narzisstischen Selbstbezogenheit oder einem weltabgewandten Rückzug stecken bleiben dürfe, sondern ihren Sinn in einem aktiven Beitrag zur Gesellschaft zu erfüllen habe. Wie eine Politik aussehen würde, die von Menschen mit spirituellen Erfahrungen gemacht würde, die ethische Werte nicht nur predigen, sondern auch leben, lässt sich nur erahnen.

Mit der Notwendigkeit und den konkreten Schritten eines wissenschaftlichen Paradigmenwechsels setzt sich Thilo Hinterberger auseinander. Eine auf „objektive“ Fakten reduzierte Praxis des Forschens und Weitergebens von Wissen wird entlarvt als eine problematische Vorgehensweise, weil sie das eigentlich Menschliche, das Subjektive, ignoriert, und zwar sowohl beim Forscher wie auch beim Rezipienten. Eine bewusstseinswissenschaftliche Perspektive dürfe die wechselseitige Beeinflussung bzw. untrennbare Verbindung zwischen Forscher und Forschungsgegenstand, zwischen Subjekt und Objekt (oder „Gegenüber“), zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem (oder „Gemessenem“) nicht als Fehlerquelle oder Störvariable herabwürdigen, sondern müsse diese Beziehung als eine essenzielle Wirklichkeit berücksichtigen, wertschätzen und bei der Weitergabe von Wissen (an die Rezipienten) auch nutzen. Das bewusste Realisieren von Wechseln zwischen den Kategorien, die der Erfahrung und der Messgrößen zugrunde liegen, wie auch eine empathische Haltung des Forschers spielen bei diesem Paradigmenwechsel eine wesentliche Rolle.

Wissenschaft und Zen

H.Walach

Wissenschaft ist in der hier gebrauchten Definition ein methodisches Vorgehen, um Erkenntnis über unsere natürliche Umwelt zu gewinnen, das geprägt ist von der gleichzeitigen Anwendung radikaler Offenheit und Skepsis gegenüber Meinungen und Vorurteilen. Sie hat sich über Jahrhunderte über methodische Absicherungen gegen Irrtum zu einem mächtigen Instrument entwickelt. Gleichzeitig beschränkt sie sich auf einen Zugang von außen. Zen – hier stellvertretend für andere spirituelle Traditionen gewählt – geht mit der gleichen Haltung vor und wendet sich nach innen. Insofern sind der äußere Erfahrungszugang der Wissenschaft und der innere des Zen komplementäre Zugänge, die sich gut vertragen. Allerdings haben wir keinen verbindlichen Konsens über die Methodologie der Innenerfahrung gefunden. Es gibt Vorgänger in der Geschichte der Wissenschaft, aber bislang ist der Innenzugang zu Erkenntnis wissenchaftlich vernachlässigt. Vielleicht sollte unter dem Stichwort „Kultur des Bewusstseins“, also einer systematischen Kultivierung des Bewusstseins als Forschungsinstrument, ein erster Schritt getan werden. Das würde vielleicht die Wissenschaft effektiver und die spirituellen Traditionen wissenschaftlich solider machen.

Schlüsselwörter

Zen, Wissenschaft, Kultur des Bewusstseins, Komplementarität

Was ist Bewusstsein? – Multiplizität und Bedeutung – (Bewusstsein als Rahmen)

H. M. Emrich

Zusammenfassung eines Vortrags auf dem Symposium „Angewandte Bewusstseinswissenschaften – Eine neue Disziplin entsteht“ am 2. November 2011 in Regensburg

Schlüsselwörter

Bewusstsein, Intentionalität, Erwachen, Multiplizität von Bedeutung, Rahmung

Brauchen wir einen Paradigmenwechsel in den Bewusstseinswissenschaften?

Thilo Hinterberger

Zur Erforschung des Bewusstseins dient derzeit vor allem die moderne Neuropsychologie, welche in Verbindung mit psychometrischen Verfahren versucht, eine Beziehung zwischen objektiver Gehirndynamik und subjektiver psychischer Erfahrung herzustellen. Doch eröffnet sich genau hier ein grundlegendes Problem, denn das Sammeln neuronaler Korrelate von psychischen Erfahrungen führt am Ende zwar zu einer Beschreibung der Mechanismen, die mit dieser Erfahrung gekoppelt sind, jedoch die ebenso wirksamen subjektiven Eigenschaften, die sogenannten Qualia, werden dadurch nicht erfasst. Dies liegt in den unvermeidbaren Kategorienwechseln, die zwischen Erfahrung und Wissen stattfinden. Dem Bewusstseinswissenschaftler entgeht damit die Teilhabe am Untersuchungsgegenstand. Um den Wissenschaftsprozess vollständig zu machen, sind daher die empathischen Fähigkeiten des Wissenschaftlers unablässig, die es ihm ermöglichen können, die Wissenskategorien wieder in eine Erfahrung zu übersetzen. Die persönliche Erfahrung ist damit so essentiell für den Bewusstseinswissenschaftler, wie die Interpretation der Quantentheorie für den Quantenphysiker, um in ein tieferes Verständnis der Welt und des Bewusstseins zu gelangen.

Schlüsselwörter

Bewusstsein, Wissenschaftstheorie, Endophysik, Qualia

Gesundheitsaspekte einer neuen Bewusstseinskultur

Niko Kohls

In dem hier beschriebenen Workshop „Gesundheitsaspekte einer neuen Bewusstseinskultur“ wurde auf der Grundlage von Daten zu Gesundheitsverhalten und psychischer Belastung der Bevölkerung die Bedeutung der Etablierung einer gesundheitsrelevanten Bewusstseinskultivierung im Sinne von Achtsamkeit dargestellt.

Schlüsselwörter

Stress, Belastung, Achtsamkeit, Bewusstsein

Passen Achtsamkeit und Achtsamkeitsforschung zueinander? Eine kritische Reflexion

Stefan Schmidt

In diesem Beitrag wird das Verhältnis zwischen Achtsamkeitspraxis und Forschung zur Achtsamkeit kritisch reflektiert. An drei Beispielen zeigt sich, dass dies kein einfaches Verhältnis ist. Die wissenschaftliche Herangehensweise wird dem sich immer wieder ändernden erfahrungsbezogenen Aspekt der Achtsamkeitspraxis nicht unbedingt gerecht. Stattdessen werden stabile Konzepte entworfen und daraus Messungen abgeleitet, die künstliche Konstrukte entstehen lassen.

Schlüsselwörter

Achtsamkeit, Erfahrung, Wissenschaftskritik, 1.-Person-Perspektive

Quantenphilosophische Ideen zu Fragen des Bewusstseins

Nikolaus v. Stillfried

Die in der Quantenphysik beobachteten Phänomene führten zur Annahme neuer naturgesetzlicher Prinzipien. Diese Prinzipien können, wenn man sie von ihrem spezifischen materiellen Substrat losgelöst betrachtet, auf einer abstrakteren Ebene auch als neue Denkfiguren oder Denkwerkzeuge verstanden werden, durch die wir die Welt vielleicht anders betrachten und andere Zusammenhänge erkennen können. In diesem Sinne geht es hier insbesondere um die Frage, ob die abstrakten Denkfiguren der Nicht-Lokalität und Komplementarität neue Perspektiven auf Fragen im Zusammenhang mit dem Bewusstsein ermöglichen. Dazu wird jeweils knapp der quantenphysikalische Sachverhalt geschildert und dann versuchsweise eine Perspektive eingenommen, in der insbesondere das Geist-Körper Problem und sog. Psi-Phänomene als analoge oder isomorphe Strukturen betrachtet werden. Epistemologische und ontologische Probleme im Zusammenhang mit diesem Vorgehen und der Interpretation etwaiger Ergebnisse werden erwähnt, aber nicht gelöst.

Schlüsselwörter

Komplementarität, Nicht-Lokalität, Quanten, Bewusstsein, Analogien

Parapsychologische Erfahrung als therapeutisches Problem

Dr. Dr. Walter v. Lucadou

Psychotherapeuten sind in ihrer täglichen Arbeit oft mit Erlebnissen von Patienten konfrontiert, die sich nicht klar einordnen lassen. Meist trauen sich Patienten auch nicht, solche Erfahrungen zu berichten. Sie bezeichnen diese als „paranormal“, „übersinnlich“, „echt unerklärlich“ oder gar als „übernatürlich“. Daher erreichen die „Parapsychologische Beratungsstelle“ in Freiburg jedes Jahr Hunderte von Anfragen von Menschen, die die Erfahrung gemacht haben, dass man ihnen ihre Erlebnisse nicht abnimmt. Diese Situation macht viele Kranke noch kränker und versperrt Gesunden den Einblick in existenzielle Fragen. Es hat sich gezeigt, dass paranormale Erfahrungen durchaus sinnvoll in die Therapie einbezogen werden können, wenn man weiß, wie man sie von psychotischen Erfahrungen unterscheiden kann. Die Besonderheit des Beratungsangebots besteht im interdisziplinären Zugang, mit dem ergebnisoffen ungewöhnliche Erfahrungen untersucht werden. In den letzten 20 Jahren wurde ein systemtheoretisches Konzept entwickelt, das es erlaubt, paranormale Erfahrungen besser zu verstehen und entsprechende Handlungsanleitungen und Copingstrategien zur Verfügung zu stellen. Da- bei wird die „Verallgemeinerte Quantentheorie (VQT)“ und das „Modell der Pragmatischen Information (MPI)“ in einem ideologiefreien, ressourcen-orientierten Ansatz praktisch angewendet. Die üblichen parapsychologischen Termini erscheinen dagegen weniger hilfreich.

Schlüsselwörter

Parapsychologische Erfahrungen (PE), Verallgemeinerte Quantentheorie (VQT), Modell der Pragmatischen Information (MPI), Ideologieinvarianz, Interdisziplinarität, Multidisziplinarität

Grundlagen für die Psychotherapie und Beratung von Nahtoderfahrenen

Horst Werner Peschel

Die hier vorgestellte Arbeit vermittelt wesentliche Grundlagen, die bei der Beratung und Psychotherapie mit Nahtoderfahrenen zu berücksichtigen sind. Seit dem Weltbestseller von Moody „Leben nach dem Tod“ (1990) hat die Nahtodforschung einen erheblichen Aufschwung erlebt, da mittlerweile weltweit über das Phänomen geforscht wird. Auf diesem Hintergrund erscheint es besonders fragwürdig, dass Nahtoderfahrungen (NTE) von vielen Psychologen und Medizinern auch heute noch ignoriert werden. Dies wird insbesondere dann problematisch, wenn Menschen mit Nahtoderfahrungen keine angemessene therapeutische Hilfe erhalten. Ausnahmen bilden hier Therapeuten, die einen „spirituellen“ oder „transpersonalen“ Hintergrund aufweisen. Es reicht nicht aus, innerhalb eines „Richtlinienverfahrens“ ausgebildet zu sein. Die vorliegende Arbeit versucht daher deutlich zu machen, um was es bei der NTE geht und um welche therapeutischen Gesichtspunkte es sich handelt.

Schlüsselwörter

Nahtoderfahrung, Psychotherapie, Beratung

Atmosphäre heilt – Weiterentwicklung des Konzepts der klassischen Einzelpraxis

Jürgen Bantelmann, Yvo Kühn, Wolfgang Wichmann

Das Konzept einer nach innenarchitektonischen, psychodynamischen und patientenorientierten Gesichtspunkten gestalteten Großpraxis wurde evaluiert. Es konnte nachgewiesen werden, dass die Ökologie als Behandlungswirkfaktor, operationalisiert als Ambiente oder Atmosphäre von Patienten, wahrnehmbar und anhand eines Fragebogens differenziert messbar ist. Anhand eines 32 Items umfassenden Fragebogens wurden 919 Patienten im Anschluss an ihre augenärztliche Behandlung befragt. Der Fragebogen umfasste die als Atmosphäre bedingend angenommenen Aspekte Beziehung, Behandlungskompetenz, Ambiente und Service, positive Anregung, Entspannung und Heilung förderndes Erleben. Die varimaxrotierte Hauptkomponentenanalyse der Daten ergab eine klar differenzierende Fünf-Faktoren-Lösung mit 65,4 Prozent erklärter Gesamtvarianz. Die fünf Atmosphäre definierenden Faktoren können in der Reihenfolge ihrer Varianzerklärung benannt werden mit: Ambiente, Heilungserleben, Warteerlebnis, Beziehung und Service.

Schlüsselwörter

Atmosphäre, Ökologie, Behandlungswirkfaktor, Patientenorientierung, Bewusstseinsmodulation

Spiritualität, Ethik und Politik

Anselm Grün

Der vorliegende Beitrag analysiert die Beziehung zwischen Spiritualität und Ethik aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Er diskutiert ferner, inwieweit die Begriffe der Religiosität, Spiritualität, Moral und Ethik tatsächlich in sinnvoller Weise in den Alltag integriert werden können. Insbesondere regt er zu einer kritischen Reflexion häufig verbalisierter, aber selten umgesetzter Werte an. Was heißt es etwa, ein „spiritueller Mensch“ zu sein – und zwar jenseits narzisstischer Selbstdarstellungsversuche? Welche gesellschaftlich relevante Implikation kann gelebte Religiosität oder Spiritualität besitzen? Das Hauptanliegen des Autors ist dabei, zu einem differenzierten, konstruktiven und zeitgemäßen Verständnis „spirituellen Handelns“ zu gelangen.

Schlüsselwörter

Spirituelle Erfahrung, Religion, Politik, moralische Werte, Nächstenliebe, ethisches Handeln, Verantwortungsbewusstsein

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