Artikel der Ausgabe 1/2014:

Thema: Vergänglichkeit - Älter werden – Umgang mit Leiden und Krankheit

Editorial

Heinrich Dauber, Dorothee Wienand-Kranz

Das Ihnen vorliegende Heft hatte einen etwas längeren Vorlauf, da wir die meisten Autoren erst einladen mussten, etwas beizusteuern, und wir nach ihrer Zusage versuchten, die einzelnen Beiträge inhaltlich aufeinander abzustimmen. In diesem Heft finden Sie drei thematisch verschiedene, aber korrespondierende Schwerpunkte: Vergänglichkeit - Älter werden – Umgang mit Leiden und Krankheit.

Dabei werden von den Autoren jeweils unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen gewählt: Die Vorstellung und Vertiefung von philosophischen und therapeutischen Grundkonzepten, die Verknüpfung sozialwissenschaftlicher Daten mit pädagogischen Überlegungen, Theaterarbeit und psychotherapeutische Praxisbeispiele. Alle Artikel sind auf einem erfahrungsnahen, lebenspraktischen Hintergrund entstanden und verbinden zumindest ansatzweise biografische Selbstreflexion mit der professionellen Arbeit der Autoren, sind also im besten Sinne evidenzbasiert.

Der erste Artikel von Ralf Zwiebel und Gerald Weischede ‚Über Vergänglichkeit: Einige buddhistische und psychoanalytische Aspekte‘ ist Frucht eines langjährigen Gesprächs zwischen einem Psychoanalytiker mit Zenpraxis und einem Zenlehrer mit psychotherapeutischer Praxis. Die Tatsache der Vergänglichkeit steht im buddhistischen Denken explizit in der Analyse der menschlichen Existenz im Zentrum, während dies im psychoanalytischen Denken eher implizit reflektiert wird. Im Vergleich zwischen einem Text des Zen-Meisters S. Suzuki und einem Text über Vergänglichkeit von S. Freud wird die Bedeutung einer dialogischen Betrachtung her- ausgestellt, in der vor allem die entwicklungspsychologische Dimension und die Phänomene des Traumas und der Trauer ein vertiefendes Verstehen ermöglichen.

Der Artikel von Hartmut Frech ‚Älterwerden – Psychologische und spirituelle Perspektiven‘ analysiert auf dem Hintergrund breiter persönlicher Meditations­erfahrungen vorliegende sozialwissenschaftliche Studien unter dem Gesichtspunkt, was sie für die grundlegenden existenziellen Fragen einer immer größeren Zahl von ‚jungen Alten‘ in unserer Zeit bedeuten können: Wer/was/wie bin ich? Wohin/wozu gehöre ich? Was kann ich bewirken? Wo will ich hin? Die spirituelle Dimension des Präsentseins weist einen Weg, Information und kognitive Analyse mit gegenwärtigem Erleben und konkreten Erfahrungen zu verbinden.

Heinrich Dauber diskutiert in dem Beitrag ‚Jung bleiben in Zeiten doppelter Elternschaft - im Dialog mit heranwachsenden Kindern und alternden Eltern‘ entlang dreier Zitate großer Philosophen (Marcus Aurelius, André Gorz und Martin Buber), wie sich im Laufe des Lebens die Beziehungen zwischen Erwachsenen und ihren Kindern (sowie ihren Eltern) verändern und welche altersspezifischen Herausforderungen damit verbunden sind: Die Wahrnehmung der andersartigen Bedingungen des Aufwachsens heutiger Jugendlicher, ohne diese kritisch zu bewerten; die Infragestellung eigener Überzeugungen, um eine neue integrale Identität zwischen den Generationen zu finden; den Neuanfang eines tiefen Dialogs mit den eigenen Kindern, um schließlich den großen Bogen zwischen Leben und Tod zu verknüpfen.

Im Beitrag von Wolfgang Wendlandt ‚Krebsbetroffene spielen Improvisationstheater. Lebensgeister wecken - therapeutische Effekte nutzen!‘ berichtet er aus der Praxis des ersten Improvisations- und Playbackensembles für Krebsbetroffene in Berlin, den ‚Tumoristen‘, und leitet daraus eine Beschreibung von 10 therapeutischen Effekten ab, die sich durch Theaterspielen mit Mitteln der Improvisation bei Krebsbetroffenen herstellen lassen. Dabei wird ausgeführt, wie sich deren Lebensqualität stärken lässt und ihre Selbstheilungskräfte gefördert werden können. Das Improvisationsspiel verfügt damit über ein großes Potential im Rahmen psychoonkologischer Interventionen, ein Potential, das in der fachwissenschaftlichen Diskussion um therapeutisch wirksame Ansätze für Krebsbetroffene in Zukunft zu berücksichtigen ist.

Der Beitrag ‚Heilsame Einstellungen zu einer Erkrankung finden‘ von Susanne Kersig verweist auf das körperlich gefühlte innere, dem Verstand nicht unmittelbar zugängliche Wissen, das sich mit Hilfe der Grundhaltung der Inneren Achtsamkeit und der Selbsthilfemethode des Focusings von Eugene Gendlin entschlüsseln und nutzen lässt. Unser Körper kann uns, wenn wir mitfühlend und akzeptierend mit unseren Beschwerden umgehen, besser als irgendjemand anderes zeigen, wie wir für uns stimmige, maßgeschneiderte und heilsame Einstellungen über die Ursachen, Verweildauer, Kontrollierbarkeit und den Sinn einer Erkrankung finden können.

Für das dieses Jahr etwas verspätete Erscheinen dieses Heftes bitten wir die Leser um Nachsicht und bedanken uns beim Verlag Via Nova, der uns mit großer Geduld unterstützt hat.

Wir wünschen gute Lektüre und würden uns über jede Art von Rückmeldung, nicht zuletzt im Blick auf künftige Themenschwerpunkte, freuen. Das nächste Heft wird voraussichtlich den Schwerpunkt Intuition haben.

Über Vergänglichkeit- Einige buddhistische und psychoanalytische Aspekte

Ralf Zwiebel, Gerald Weischede

Die Tatsache der Vergänglichkeit steht im buddhistischen Denken explizit in der Analyse der menschlichen Existenz im Zentrum, während dies im psychoanalytischen Denken eher implizit reflektiert wird. Im Vergleich zwischen einem Text des Zen-Meisters S. Suzuki und einem Text über Vergänglichkeit von S. Freud wird die Bedeutung einer dialogischen Betrachtung herausgestellt, in der vor allem die entwicklungspsychologische Dimension und die Phänomene des Traumas und der Trauer ein vertiefendes Verstehen ermöglichen.

Schlüsselwörter

Leiden, Trauma, Trauer

Älterwerden – Psychologische und spirituelle Perspektiven

Hartmut-W. Frech

Das sozialwissenschaftliche Interesse an der nachberuflichen Zeit des Menschen hat stark zugenommen. Diese Lebensphase kann inzwischen genauso lang sein wie die Berufszeit. Besonders die „jungen Alten“ zwischen 60 und 80 stellen sich angesichts der begrenzten Lebenszeit grundlegende existenzielle Fragen: Wer/was/wie bin ich? Wohin/wozu gehöre ich? Was kann ich bewirken? Wo will ich hin? Die vorliegenden sozialwissenschaftlichen Untersuchungen werden dahingehend analysiert, inwieweit sie dabei helfen können, diese Fragen zu beantworten. Die spirituelle Dimension des Präsentseins weist einen Weg, Information und kognitive Analyse mit gegenwärtigem Erleben und konkreten Erfahrungen zu verbinden.

Schlüsselwörter

Alternsforschung, Psychologie der Lebensspanne, existenzielle Grundfragen, Präsentsein

Jung bleiben in Zeiten doppelter Elternschaft - im Dialog mit heranwachsenden Kindern und alternden Eltern

Heinrich Dauber

Entlang dreier Zitate berühmter Philosophen (Marcus Aurelius, André Gorz und Martin Buber) diskutiert der Artikel die im Laufe des Lebens wechselnden Beziehungen zwischen Erwachsenen und ihren Kindern sowie ihren Eltern in lebensgeschichtlichen Kontexten der doppelten Elternschaft. Damit sind drei unterschiedliche Herausforderungen verbunden: Die Wahrnehmung der andersartigen Bedingungen des Aufwachsens heutiger Jugendlicher, ohne diese kritisch zu bewerten; die Infragestellung eigener Überzeugungen, um eine neue integrale Identität zwischen den Generationen zu finden; einen Neuanfang für einen tiefen Dialog mit unseren Kindern, um auf diese Weise den großen Regenbogen zwischen Leben und Tod zu akzeptieren und zu verknüpfen.

Schlüsselwörter

Doppelte Elternschaft, Beziehungen zwischen den Generationen, Marcus Aurelius, André Gorz, Martin Buber

Krebsbetroffene spielen Improvisationstheater

Wolfgang Wendlandt

Ausgehend von der Gründung des ersten Improvisations- und Playbackensembles für Krebsbetroffene, den Tumoristen, werden allgemeine Hinweise zur Krebserkrankung und zu kreativen Verfahren in der psychoonkologischen Versorgung gegeben. Anschließend wird aufgezeigt, dass das szenische Improvisieren auf einer zentralen Ressource des Menschen basiert, dem freien Spiel im Kindesalter. Nachdem die in Deutschland bekannten drei Formen des improvisierten Bühnentheaters vorgestellt werden, geht es dann um den Schwerpunkt des Artikels, die Beschreibung von 10 therapeutischen Effekten, die sich durch das Theater- spielen mit Mitteln der Improvisation bei Krebsbetroffenen herstellen lassen. Es wird ausgeführt, wie sich deren Lebensqualität stärken lässt und ihre Selbstheilungskräfte gefördert werden können. Das Improvisationsspiel verfügt damit über einen großen Nutzen im Rahmen psychoonkologischer Interventionen. Dies gilt es in der fachwissenschaftlichen Diskussion um die Weiterentwicklungen therapeutisch wirksamer Ansätze für Krebsbetroffene zu berücksichtigen. Abschließend wird zu einem Austausch zwischen Krebsbetroffenen, Fachleuten aus onkologischen Arbeitsfeldern und Theatergruppen aufgerufen.

Schlüsselwörter

Krebsbetroffene, Improvisationstheater, Playbacktheater, therapeutische Effekte, Onkologie

Heilsame Einstellungen zu einer Erkrankung finden

Susanne Kersig

Neben dem äußeren medizinischen Wissen gibt es ein inneres Wissen darüber, wie der nächste Schritt zur Heilung sein kann. Dieses körperlich gefühlte Wissen ist dem Verstand nicht unmittelbar zugänglich. Mit Hilfe der Grundhaltung der Inneren Achtsamkeit und der Selbsthilfemethode des Focusings von Eugene Gendlin (1981) lässt es sich jedoch entschlüsseln.

Eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Heilung spielen dabei auch unsere Gedanken und Interpretationen über ein Krankheitsgeschehen. Gelingt es uns, Leiden und Vergänglichkeit als Grundtatsache des Lebens zu akzeptieren, können wir mitfühlend und akzeptierend mit unseren Beschwerden umgehen. Unser Körper wird uns dabei besser als irgendjemand anderes zeigen, wie wir für uns stimmige, maßgeschneiderte und heilsame Einstellungen über die Ursachen, Verweildauer, Kontrollierbarkeit und den Sinn einer Erkrankung finden können.

Schlüsselwörter

Focusing, Achtsamkeit, Selbstheilung, Krankheitsüberzeugungen, Sinnfindung

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