Artikel der Ausgabe 1/2015:

Thema: Bildung und Bewusstsein

Editorial

Dorothee Wienand-Kranz, Thilo Hinterberger

Vor 20 Jahren ist die erste Ausgabe dieser Zeitschrift, damals noch mit der Bezeichnung „Transpersonale Psychologie und Psychotherapie“, erschienen. Prof. Dr. Edith Zundel und Dr. Joachim Galuska hatten sie gegründet, waren somit die Herausgeber und hatten die Schriftleitung inne. Die erste Ausgabe hatte den Schwerpunkt „Die Person und das Transpersonale“. Die Autorinnen und Autoren waren Roger Walsh, Willigis Jäger, Joachim Galuska, Ingo Jahrsetz und Ulla Heist. Im Editorial schreibt Joachim Galuska: „... eine unabhängige Zeitschrift auf wissenschaftlichem Niveau für das Feld der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie herauszugeben, war eine Vision, die uns schon seit langem begleitete und inspirierte. Viele Gespräche formten langsam das Bild .... Wir sind froh, nach langer Suche einen Verleger (Werner Vogel) gefunden zu haben, mit dem wir unsere Vision dieser Zeitschrift auch mit unserem Herzen teilen“. An späterer Stelle schreibt er: „Angesichts der Vielfarbigkeit und der Komplexität des Feldes transpersonaler Psychologie und Psychotherapie ist es ein Anliegen dieser Zeitschrift, Beiträge zu leisten zum Dialog der Strömungen, zur Integration und zu weiterer wissenschaftlicher Fundierung. Die Zeitschrift versteht sich daher als schulenübergreifend, als kultur- und religionsübergreifend.“

Neben einer Übersichtsarbeit von Roger Walsh über die transpersonale Bewegung wurden einige Hauptvorträge referiert, eben auch von einer ersten Tagung, nämlich der des Spiritual Emergency Network Deutschland (SEN), in deren Vorstand auch beide Herausgeber damals waren (heute sind sie im Ehrenbeirat) in Zusammenarbeit mit der Fachklinik Heiligenfeld. Die Tagung beschäftigte sich mit dem Thema des Schwerpunktes.

Joachim Galuska hob hervor, dass neben dem üblichen Aufbau einer wissenschaftlichen Zeitschrift mit Überblicksarbeiten, Schwerpunktthemen, Originalarbeiten, Veranstaltungshinweisen und Rezensionen „... aber auch Raum gegeben werden soll (...) für kreative, künstlerische oder experimentelle Darstellungen trans- personaler Anliegen ...“

Das zweite Heft in diesem Jahr hatte ebenfalls ein Schwerpunktthema: „Transpersonales in der herkömmlichen Psychotherapie“.

Das Heft 2 von 2011 wies dann eine deutliche veränderte Akzentuierung durch eine Namensänderung auf: Die Zeitschrift heißt seit diesem Zeitpunkt „Bewusstseinswissenschaften“ und hat im Untertitel noch die vertraute Bezeichnung „Transpersonale Psychologie und Psychotherapie“. Im Editorial hieß es zur Namensänderung: „Der Grundgedanke besteht darin, mehr das Thema des Bewusstseins in den Vordergrund zu stellen als die transpersonale Orientierung. Die transpersonale Psychologie und Psychotherapie sind mit dem Anspruch angetreten, das Wissen der spirituellen Wege und der Philosophie mit der modernen Psychologie und Psychotherapie zu verbinden .... Die Entwicklung des Fachwissens und auch die Außenwahrnehmung betonten jedoch den Aspekt der veränderten und höheren Bewusstseinszustände ... Die wesentlichen Beiträge der transpersonalen Bewegung betreffen denn auch die Entwicklungsformen, Stufen und Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins, sowohl individuell als auch kollektiv. Insofern ist die transpersonale Psychologie und Psychotherapie inzwischen Teil einer ganzheitlich verstandenen Bewusstseinswissenschaft.“

Im vorliegenden Heft haben wir den Schwerpunkt „Bildung und Bewusstsein“ gewählt, da wir glauben, dass es angesichts der hohen psychischen Belastung von Lehrern und dem zumeist rein rational und zunehmend kompetitiv gestalteten Schulsystem wichtig ist, durch die Integration von Aspekten aus der transpersonalen Psychologie und den Bewusstseinswissenschaften einen wertvollen Beitrag zur Bildungsthematik zu leisten. Aus diesem Grund haben wir bereits im Oktober 2014 am Universitätsklinikum Regensburg ein Symposium zum Thema dieses Heftes veranstaltet, an dem neben kompetenten Referenten aus dem Bereich der Pädagogik auch ein sogenannter „Markt der Möglichkeiten“ veranstaltet wurde, an dem 15 Projekte und Initiativen vorgestellt wurden, die sich mit bewusstseinsbildenden Themen im Schulbereich beschäftigen. Um die Themen dieses Symposiums, welches eine sehr positive Resonanz erhalten hat, einem noch größeren Personenkreis zur Verfügung zu stellen, haben wir einige Beiträge der Referenten, wie die von Heinrich Dauber mit dem Titel „Bildung und Schule – Plädoyer für ein neues Bewusstsein“ , in welchem er u.a. anhand eines Beispiels zeigt, wie sich durch einen Coaching-Prozess ein verunsicherter Referendar zu einem selbstbewussten entspannten Lehrer entwickeln kann, und Thilo Hinterberger zum Thema „Bewusstsein und Werte für eine zukunftsfähige Schulkultur“, gedruckt. Leider ist es aufgrund einer Erkrankung nicht gelungen, den Beitrag von Otto Herz mit aufzunehmen.

Einen spannenden und ermutigenden Beitrag haben wir aus der Praxis von Klaus Müller, einem erfahrenen Schulleiter, mit dem Titel „Bewusstsein und Spiritualität im Prozess einer Schulevolution“. Dorothee Wienand-Kranz versucht in ihrem Beitrag „Humanistische Ansätze in der Reformpädagogik“ in Erinnerung zu rufen, dass es im gesamten 20. Jahrhundert sehr gute Ansätze zu einer reformierten Pädagogik gab, insbesondere aus der Humanistischen Psychologie und Pädagogik, die durch ‚Lernen in Freiheit‘ zu einem mündigen, kreativen, sozial verantwortungsbewussten Menschen führen können. Zwei sehr berührende Artikel beschäftigen sich mit Projekten für „zu kurz gekommene“ Babys, Kleinkinder und Jugendliche: Lady Diana Whitmore, die in UK ein Mentoring-Programm entwickelt hat, welches sich schwertraumatisierten Jugendlichen am Rande der Gesellschaft widmet, beschreibt in „Arbeit mit gefährdeten Jugendlichen“ anhand eines Beispiels von einem 15-jähri- gen Mädchen, was es bei ihr bewirken kann, wenn sie sich mitverantwortlich um kleine Kinder kümmert. In dem kurzen Bericht von Ulla Pfluger-Heist „Entwicklung in der frühen Kindheit und Verkörperung“ geht es um ein Forschungsprojekt mit der Frage: Wie prägen schlimme Erfahrungen die spätere Entwicklung und inwieweit lassen sich diese ausgleichen? Außerdem wird die äußerst wichtige und anrührende Einrichtung, die Emmi Pikler für sozial verwaiste Babys gegründet hat, beschrieben und mit dem Link zu dem sehr sehenswerten Dokumentarfilm versehen.

Es gibt derzeit eine Vielzahl an Projekten zur Persönlichkeitsbildung, Wertevermittlung und zu bewusstseinsbildenden Unterrichtseinheiten. Wir stellen hier in einer Sammlung von Zusammenfassungen 16 solcher Projekte vor.

Wir wünschen ein ermutigendes, inspirierendes, befriedigendes Lesevergnügen.

Bewusstsein und Werte für eine zukunftsfähige Schulkultur

Thilo Hinterberger

Damit Schule den vielfältigen Anforderungen, aber auch den grundlegenden Bedürfnissen von bewusstseinsbegabten Menschen (Schüler und Lehrer) auch im Hinblick auf die Entwicklungen unserer Kultur gerecht werden können, wird in diesem Beitrag Schule als ein kultureller Lebensraum dargestellt, dessen Eigenschaften beschrieben und diskutiert werden. Dabei werden problematische Aspekte des derzeitigen Systems hinterfragt, wie beispielsweise die Bewertungsproblematik im Notensystem, die hohe Stoffdichte, der permanente Wertverlust des Schulwissens und damit die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Daneben werden von den Schülern Arbeitstugenden, wie z.B. Zielstrebigkeit, Fleiß und Lernbereitschaft, gefordert, während diese nach Sicherheit, Anerkennung, Selbstverwirklichung und Erfüllung streben und oft Defizite hierin aufweisen. Die komplexen Ansprüche überfordern viele Schüler, was sich in sogenanntem Schulstress manifestiert. Auch an die Lehrerschaft werden vielfältigste Kompetenzanforderungen gestellt. Sie sollen im Rahmen der sozialen Interaktion Basiskompetenzen vermitteln, Schüler bei ihrer Identitätsfindung unterstützen und die Inklusion schwächerer Schüler berücksichtigen, während die Hauptaufgaben in der Vermittlung des Lernstoffes sowie der Leistungskontrollen liegen. Für Lehrer und Schüler entsteht ein stressbetontes Schulklima, welches die Burnoutraten bei Lehrern belegen. Als Lösung wird hier nicht ein vielfach praktiziertes Schonungsverhalten gesehen, sondern die These gewagt, dass sogenannte transrationale Werte und Kompetenzen die proaktiven Ressourcen und die Vitalität stärken. Durch die Unterstützung dieser intrinsischen Werte und Motive, die in ihrer Verwirklichung mit dem Konzept der Weisheit einhergehen, entsteht ein Kompetenzspektrum, durch welches die Polarität von Erfolg oder Scheitern überwunden werden kann, sodass es möglich wird, Schule als einen gesundheits- und bewusstseinsfördernden Lebensraum zu gestalten.

Schlüsselwörter

Schule, Schulstress, Werte, Transrationale Kompetenzen, Burnout

Bildung und Schule – Plädoyer für ein neues Bewusstsein – Alltagserfahrungen eines jungen Lehrers

Heinrich Dauber

Auf dem Hintergrund kurzgefasster Thesen zum Thema ‚Schule und Bewusstsein‘ wird ein pädagogischer Praxisforschungsansatz skizziert, der sich an den vier verschiedenen Erkenntnisweisen Ken Wilbers (‚Quadrantenmodell‘) orientiert, und am Beispiel der Beratung eines Referendars veranschaulicht.

Schlüsselwörter

Bildung und Schule, pädagogische Praxisforschung, Quadrantenmodell Ken Wilbers, Beratung eines Referendars

Bewusstsein und Spiritualität im Prozess einer Schulevolution

Klaus Müller

Der offiziell gängige Begriff der Schulentwicklung sagt noch nichts über die Entwicklungsrichtung und die Qualität aus. Derzeitige Aktivitäten sind mehr ein Reagieren und Anpassen als ein Agieren im Sinne einer evolutionären Dynamik. Die beobachtbaren Ergebnisse, wie Schulmüdigkeit, sinkende Schülerleistungen und gleichzeitig sinkende Anforderungen, hohe Lehrerkrankheitsrate, gefühlte Sinnlosigkeit, Aktionismus, scheinbar ausschließlich ökonomische Verwertbarkeit von Bildung usw., deuten auf Abwesenheit von Bewusstsein. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Bewusstsein und einem daraus resultierenden veränderten Denken und Handeln kann zu einer Schulgestaltung und -entwicklung führen, die für die am Schulprozess Beteiligten eine neue Schaffensqualität und eine tiefere Sinngebung zur Folge hat. An exemplarischen Beispielen werden Möglichkeiten vorgestellt, die den Weg zu einem sich erweiternden Bewusstsein eröffnen.

Schlüsselwörter

Universelles Bewusstsein, Bewusstsein, Bewusstheit, Spirale, Schulevolution, Mut

Humanistische Ansätze in der Reformpädagogik

Dorothee Wienand-Kranz

Anhand zweier Ansätze der Humanistischen Pädagogik (schülerzentrierter Unterricht nach Carl Rogers und themenzentrierte Interaktion von Ruth Cohn) wird aufgezeigt, dass das Menschenbild mit seinem Wachstumspotential, der Aktualisierungstendenz, bestimmte Bedingungen benötigt, die sie wachsen lässt. So wird die Lehrerpersönlichkeit auf ganzheitliche Weise gefordert und ist den Lernenden eine Person, die diese ebenfalls auf ganzheitliche Weise unterstützt. Die Humanistische Pädagogik hat ein großes Wandlungspotential.

Schlüsselwörter

Humanistische Pädagogik, schülerzentrierter Unterricht, themenzentrierte Interaktion, Lehrerpersönlichkeit, Begegnung von Person zu Person

Arbeiten mit gefährdeten Jugendlichen

Diana Whitmore

Es wird über das Mentoring-Programm für schwer traumati- sierte Jugendliche berichtet. Das Programm soll – möglichst frühzeitig – jungen Menschen am Rande der Gesellschaft helfen, Kompetenzen wie Lebenstüchtigkeit, aber auch Wissen und Glauben an sich selbst zu entwickeln, sodass sie sich zugehö- rig zur Gesellschaft fühlen können. Die Jugendlichen übernehmen Verantwortung durch die Betreuung von benachteiligten Krippenkindern. Sie erhalten begleitend Einzelgespräche und Unterricht in einer Klasse. Anhand eines Fallbeispiels eines 15-jährigen Mädchens wird die Arbeit anschaulich.

Schlüsselwörter

Jugendarbeit, Selbstrespekt, Zugehörigkeit, Potentialität, Lebenssinn

Entwicklung in der frühen Kindheit und Verkörperung

Ulla Pfluger-Heist

In diesem Artikel wird eine Studie über biological embedding zusammengefasst und kommentiert, die 2012 in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT veröffentlicht war. Die Studie geht der Frage nach, wie frühe Vernachlässigung sich auf die Gehirnentwicklung von Kindern auswirkt und wie und bis wann die Folgeschäden noch gemindert werden können. Die Studie wird in diesem Artikel auch unter dem Blickwinkel des Seelenverlustes betrachtet.

Schlüsselwörter

Seelenverlust, Verkörperung, verschüttete Fähigkeiten, Beziehungsqualität, Emmi Pikler

Ausgabe 1/2015 online bestellen

Zurück zur Übersicht