Artikel der Ausgabe 1/2018:

Thema: Verschiedenes

Editorial

Liane Hofmann, Thilo Hinterberger

Das vorliegende Heft streift eine Vielzahl von Themen, die jedoch alle das Grundthema des menschlichen Bezogenseins widerspiegeln. So beginnen wir mit einem Beitrag des Philosophen Christoph Quarch, der wie gewohnt den Bogen von der griechischen Antike bis hin zu den aktuellsten Themen der Weltpolitik spannt. Dabei liegt sein Augenmerk auf der Frage nach dem Ziel der Politik und auf unseren zwischenmenschlichen Beziehungsgeflechten. Als übergreifendes Ziel der Politik arbeitet der Autor die Förderung von Frieden und eines Geistes der Freundschaft heraus. Den Aspekt des friedvollen Miteinanders in unseren zwischenmenschlichen Begegnungen möchten wir als Grundpfeiler an den Anfang des Heftes stellen, denn allzu oft führt gerade das Spannungsfeld zwischen den komplementären Aspekten von Individualität und Verbundenheit zu politischen und religiösen Auseinandersetzungen.

Im Unterschied zu den überwiegend geistes- und sozialwissenschaftlichen Beiträgen in diesem Heft widmet sich Thilo Hinterberger einer eher natur- und bewusstseinswissenschaftlichen Betrachtung des Themas „Klang und Transzendenz“. Er versucht dabei aufzuzeigen, warum und auf welche Weise Klang, Rhythmus und musikalische Harmonie in der Lage sind, unser Bewusstsein für transzendente Erfahrungen zu öffnen. Im Vergleich zwischen akustischer und visueller Wahrnehmung werden grundlegende Unterschiede der beiden Modalitäten aufgezeigt, durch welche wiederum die besonderen Eigenschaften des Hörens in Bezug auf Konzepte wie Vertrauen, Emergenz, Sensibilisierung, Stille oder Verbundenheit deutlich werden. In einer Zeit, in der die visuelle Reizüberflutung überwiegt, wird uns hierbei insbesondere das Hören und Lauschen als ein wichtiger Zugangsweg zur Spiritualität nahegebracht.

Der Themenkomplex Trauma, Kultur und Frieden wird derzeit auch von dem spirituellen Lehrer Thomas Hübl intensiv und in einem internationalen Kontext bearbeitet. Dessen Ansätze und Aktivitäten hat Markus Hänsel von unserer Redaktion im vergangenen Jahr im Rahmen eines Interviews mit Hübl exploriert, welches hier nun wiedergegeben ist. Thomas Hübl betrachtet Traumata sowohl unter individuell-biographischen wie auch unter transgenerationalen und transkulturellen Aspekten und er bezieht bei der Arbeit mit diesen Erkenntnisse und Praktiken der verschiedenen Weisheitslehren und mystischen Wege mit ein. So ist es ihm ein Anliegen, in kriegstraumatisierten Ländern wie Israel mit den Menschen gemeinsam an der Auflösung dieser Traumata zu arbeiten. Er ist damit ein Beispiel dafür, wie auch außerhalb des etablierten psychotherapeutischen Versorgungssystems wertvolle Initiativen existieren, die zur Lösung von Traumafolgen beitragen können – eine Aufgabe, bei der die etablierte Psychotherapie derzeit an die Grenzen ihrer Kapazitäten zu geraten scheint.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt aktuell Professor Thomas Loew vom Universitätsklinikum Regensburg, indem er sogenannte Traumahelfer ausbildet, die sich speziell im Rahmen der Flüchtlingskrise der traumatisierten Kinder und Erwachsenen annehmen sollen. Aus diesem Beschäftigungsfeld heraus entstand der vorliegende Beitrag von Beate Leinberger, Yousef Abouweda und Thomas Loew. Vor dem Hintergrund, dass viele der derzeitigen globalen und lokalen Auseinandersetzungen religiös motiviert sind, und der Beobachtung, dass die religiösen Praktiken der unterschiedlichen Religionen durchaus ähnliche Methoden zur psychophysiologischen Selbstregulation nutzen, schlagen die Autoren vor, diese Methoden als verbindende Elemente zu sehen, anstatt die divergierenden ideologischen Inhalte zu betonen. Die psychophysiologischen Wirkelemente jener Praktiken werden dabei unter dem Aspekt der Hypnose behandelt, einer möglicherweise etwas ungewohnten und neuartigen Sichtweise, hinsichtlich derer sich wohl jede Leserin und jeder Leser selbst ein Urteil bilden muss, inwieweit sie/er mit einer solchen Sichtweise konform gehen möchte. Eine solche Betrachtung der psychophysiologischen Wirkelemente von religiösen Praktiken fokussiert auf nur eine von vielen Dimensionen der Religiosität und für die meisten Menschen dürfte dies nicht die zentrale sein. Wir erachten viele der hier dargelegten Beobachtungen und Überlegungen dennoch als wertvoll und wollen diesen Beitrag nicht lediglich als eine Reduktion des Religiös-Spirituellen auf die Psychophysiologie verstanden wissen. Vielmehr könnten die Aussagen des Artikels auch so aufgefasst werden, dass in ähnlicher Weise, wie es verbindende Geisteshaltungen und Konzepte unter den Religionen gibt (z.B. Liebe, Friede, Kontemplation, Erlösung), es auch einen Fundus an psychophysiologischen und strukturellen Elementen als äußerliche Ausdrucksformen der Religionen gibt, die einem gemeinsamen Zweck dienen können. In diesem Sinne kann dieser Beitrag nicht zuletzt auch der Verständigung unter den Religionen dienen.

Was es zur Lösung der vielfältigen aktuellen Problemlagen sicherlich ebenfalls immer wieder wesentlich braucht, ist der gute Wille. Ausgehend von Roberto Assagiolis Lektion IX „Gesetze des Willens – Der gute Wille“ und gestützt auf weitere Quellen, präsentiert Ulla Pfluger-Heist zunächst grundlegende konzeptuelle Überlegungen hinsichtlich dieser Thematik, um daran anschließend praktische Möglichkeiten aufzuzeigen, wie der Boden für die Entwicklung des guten Willens geschaffen und ein guter Wille zielgerichtet gefördert und kultiviert werden kann. Die unterbreiteten philosophischen und psychologischen Gedankengänge führen uns darüber hinaus zur Selbstreflexion unserer eigenen diesbezüglichen Motive, Urteile und Handlungen. Und eben dabei ergeht der dringliche Aufruf an uns, unseren Willen in den Dienst der Verantwortung, des Verständnisses, des Mitgefühls, der Liebe und eines Geistes des Nichtverletzens zu stellen.

Genau dieser Geist kann uns sehr hilfreich sein beim Lesen des letzten Beitrags von Hans-Joachim Bieber über Karlfried Graf Dürckheim, den Begründer der initiatischen Therapie und der existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte in Todtmoos-Rütte. Dürckheim gilt als einer der zentralen Leitfiguren der transpersonalen Psychotherapie im europäischen Raum und geniest diesbezüglich internationales Ansehen. Durch sein Wirken in Todtmoos-Rütte hat er viele Menschen als Psychotherapeut und spiritueller Lehrer im besten Sinne inspiriert und überzeugt und sie in ihren psycho-spirituellen Entwicklungsprozessen begleitet. Hans-Joachim Bieber veröffentlichte im Jahr 2014 in seinem umfangreichen Band „SS und Samurai“ unter anderem die bedrückenden Ergebnisse seiner historischen Studien über die Zeit des Japanaufenthaltes von Karlfried Graf Dürckheim, von 1939 bis 1947. Diese bekunden eine intensive Propagandatätigkeit Dürckheims im Dienste der nationalsozialistischen Ideologie. Bei dem Beitrag von Herrn Bieber in der vorliegenden Ausgabe handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Vortrags, den er im Rahmen der Tagung „Licht und Schatten der Meister“ 2017 in Todtmoos-Rütte gehalten hat. Ideal wäre es wohl gewesen, diesen Beitrag durch einen weiteren zu ergänzen, der die darauffolgende Lebens- und Schaffensphase von Dürckheim als Psychotherapeut und spiritueller Lehrer reflektiert und würdigt, oder dem Thema gar ein ganzes Themenheft zu widmen, um es in einen umfassenderen Kontext zu stellen. Dies war uns aus organisatorischen Gründen jedoch leider nicht möglich. Wir haben uns dennoch entschieden, diesen Beitrag auch ohne eine derartige Einbettung aufzunehmen. Er gibt somit sicher lediglich ein partielles Bild des Lebens- und Wirkens von Dürckheim wieder, aber eines, das uns nachdenklich stimmen muss und eine Reihe von dringlichen Fragen aufwirft. Das Bewusstsein hinsichtlich der möglichen Gefährdungen und des Missbrauchspotentials von spirituellem Gedankengut, spirituellen Organisationen sowie deren Repräsentanten ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen und derartige Themen werden begrüßenswerterweise zunehmend zum Gegenstand des öffentlichen Diskurses. Eine solche Reflexion von möglichen Schattenaspekten ist für die Entwicklung einer zeitgemäßen, aufgeklärten und integralen Spiritualität unseres Erachtens unabdingbar. Diesbezügliche Fragen gilt es für spirituell orientierte Menschen daher immer wieder neu zu reflektieren und für sich selbst zu prüfen, um das eigene Bewusstsein zu schärfen. In einem solchen Sinne wünschen wir uns, dass dieser Beitrag dazu dienen möge, eine vertiefte Reflexion hinsichtlich der möglichen Irrwege anzuregen, die mit spirituellen Ideologien verknüpft sein können, damit wir selbst daraus lernen können. Ein gewisses Gegengewicht im oben angesprochenen Sinne findet dieser Beitrag jedoch zumindest insofern, als unter den Rezensionen ein Buch besprochen wird, das die wesentlichen Elemente und Inhalte der von Dürckheim entwickelten initiatischen Therapie anhand eines Überblicks über seine diesbezüglichen Werke zusammenfasst und würdigt.

Abschließend möchten wir Ihnen noch bekanntgeben, dass wir in diesem Jahr aus organisatorischen Gründen nur eine Ausgabe herausgeben möchten. Wir befinden uns derzeit als Redaktionsteam in einem Prozess der Reflexion und der möglichen Neuausrichtung, damit wir Ihnen als ehrenamtlich arbeitendes Team auch weiterhin die gewohnte Qualität bieten und diese in ihrem Zuschnitt einzigartige Zeitschrift inspirierend für Sie gestalten können.

Thilo Hinterberger und Liane Hofmann

Die Kunst der Begegnung – Frieden wächst im Raum des Zwischenmenschlichen

Christoph Quarch

Der Sinn der Politik sind Frieden und ein Geist der Freundschaft. So lehrte es schon Platon in der griechischen Antike, und so bestätigt es das Bild des Menschen, das sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer deutlicher abzeichnet: Der Mensch ist ein Wesen der Verbundenheit, das sich nur da zur vollen Blüte seiner Lebendigkeit entfalten kann, wo es im stimmigen Zusammenspiel mit anderen seine Persönlichkeit formt. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, sagte Martin Buber und hat damit eine essentielle Wahrheit nicht allein über die Grundlagen der politischen Gemeinschaft, sondern auch über das Wesen des individuellen Menschen ausgesprochen.

Schlüsselwörter

Frieden, Begegnung, Politik, Mensch, Ökonomie, Lebendigkeit, Gespräch, Vertrauen

Klang und Transzendenz – eine neuropsychologische, physikalische und spirituelle Betrachtung

Thilo Hinterberger

Weltweit wird Musik im Rahmen religiöser Praktiken verwendet, um spirituelle Erfahrungen zu fördern und zu vertiefen. Die akustischen Stilmittel sind dabei vielfältig und reichen von einfachen Klängen über Rhythmen und Gesänge bis hin zu musikalischen Kompositionen. In diesem Beitrag werden die musikalischen, physikalischen, mathematischen und neuropsychologischen Eigenschaften von Klang, Rhythmus und Harmonik aufgezeigt, die maßgeblich dazu beitragen, dass Menschen durch das klanglich-musikalische Erleben zu einer spirituellen Erfahrung gelangen können. Mit Klangschalen oder Gongs beispielsweise können Menschen in eine Stille geführt werden, die mit hoher Achtsamkeit und Sensibilität erfüllt ist. Rhythmen können zu mental verbundenen Trancezuständen mit verminderter Kognition führen. Und im Bereich der Harmonik steht uns mit den Kirchentonarten ein reichhaltiges emotionales Spektrum zur Verfügung, welches auch als Öffner für mystische Erfahrungen dienen kann. Schließlich wird die transformative Kraft von Klangereignissen in Bezug auf veränderte Bewusstseinszustände diskutiert.

Schlüsselwörter

Klang, Rhythmus, Psychoakustik, Transzendenz, Spiritualität

Hypnose – ein verbindendes Grundelement religiöser Praktiken?

Beate Leinberger, Yousef Abouweda, Thomas H. Loew

Wir untersuchen an einigen Beispielen phänomenologisch deduktiv, ob in verschiedenen Glaubensrichtungen übergreifende Religionspraktiken zu identifizieren sind, die den gängigen hypnotischen Techniken mit neurowissenschaftlich begründbarer Basis folgen. Wir wählen dazu rituelle Handlungen aus, wie etwa das Beten, die losgelöst von den Inhalten vergleichbare zeitliche Dimensionen und strukturierende Funktionen haben. Auch spezifische neurophysiologische Wirkungen der architektonischen Gestaltung kirchlicher Bauten werden beschrieben ebenso wie die Ähnlichkeiten, die das Brauchtum mit Interventionen der Trauma-Psychotherapie aufweisen kann.

Schlüsselwörter

Hypnose, Wissenschaft, Interventionen, Religion, katholisch, evangelisch, Islam, Neurophysiologie, Trauma, Psychotherapie, Glaube

Der gute Wille – ein brandaktuelles Konzept der Psychosynthese Gedanken zu Assagiolis Lektion IX:
Gesetze des Willens – Der gute Wille1

Ulla Pfluger-Heist

Roberto Assagioli war einer der Pioniere der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie. Seit 1910 hat er seine Psychosynthese entwickelt. Die Erforschung und Entwicklung des Willens ist darin zentral. Assagioli kennt vier Willensaspekte, die entwickelt werden müssen, um einen vollständigen Willen erwachsen zu lassen; die ethische Funktion des Willens, der gute Wille, ist dabei für unsere Menschlichkeit besonders bedeutsam. Zu seiner Entwicklung benötigt er Einsicht und Herzenskraft.

Schlüsselwörter

Guter Wille, Empathie, Mitgefühl, menschliche Natur, Einsicht, Symbolik des Herzens

„Ganzheit“ vor und nach 1945 Bemerkungen zu Biographie und Schriften von Karlfried Graf Dürckheim (1896–1988)

Hans-Joachim Bieber

Unter westdeutschen Psychotherapeuten und denen, die sich für Meditationstechniken ostasiatischer Provenienz interessierten, erfreute sich von den 1950er bis in die 1980er Jahre Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988) gewisser Bekanntheit, Gründer der „Existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte“ in Rütte im Schwarzwald, einer der ersten Lehrer des Zen-Buddhismus in Deutschland und einer der wichtigsten Vertreter der transpersonalen Psychotherapie im europäischen Raum. Zwischen 1938 und 1947 hatte er in Japan gelebt, sich dort jedoch nicht nur mit Zen-Buddhismus und Bogenschießen beschäftigt, wie er später angab, sondern in erster Linie als Propagandist des Nationalsozialismus betätigt. Diesen Teil seiner Biographie spaltete er später völlig ab. In den Büchern, die er nach 1945 veröffentlichte, finden sich jedoch frappierende Ähnlichkeiten mit dem, was er zwischen 1933 und 1945 schrieb, insbesondere in der Verwendung des Begriffs der „Ganzheit“.

Schlüsselwörter

Karlfried Graf Dürckheim, Maria Hippius, Rudolf Hippius, Ganzheitspsychologie, deutsch-japanische Kulturbeziehungen 1933–45, Nationalsozialisten in Japan

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