Artikel der Ausgabe 2/2010:

Thema: Ökologische Krise(n) - zivilgesellschaftliche Basisinitiativen - Bewusstseinswandel

Editorial

Heinrich Dauber, Dorothee Wienand-Kranz

Liebe Leserinnen und Leser,

das Ihnen zur kritischen Lektüre vorgelegte Heft greift einen Diskussionszusammenhang auf, der viele Menschen heute rund um die Welt bewegt. Welche ökologischen und sozialen Folgen hat der hemmungslose Raubbau an den natürlichen Ressourcen der Erde für die Lebensgrundlagen der kommenden Generationen auf unserem Planeten? Wer sind die Profiteure, wer die Verlierer? Woher beziehen die Millionen von Menschen, die sich in zahllosen zivilgesellschaftlichen Basisinitiativen dem grenzenlosen industriellen Wachstum entgegenstellen, ihre ethische Motivation, ihre spirituelle Kraft und kulturelle Phantasie, für eine andere Zukunft ein- zutreten? Auf welche Werte, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse, welche politischen oder religiös-spirituellen Traditionen, welche psychotherapeutischen Konzepte können sie zurückgreifen, wenn sie mit neuen Lebensformen experimentieren? Lassen sich moderne Wissenschaft, Spiritualität, soziale Gemeinschaft und politische Aktion überhaupt miteinander verbinden?

Dass es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher, dass wir uns mit einer umfassenden Krise des Wachstumsmodells der westlichen Industriegesellschaft und seiner weltanschaulichen Grundlagen konfrontiert sehen, wird immer mehr Menschen bewusst. Grüne Parteien erreichen Zustimmungswerte, von denen sie noch vor wenigen Jahren nur träumen konnten. Die etablierten Kirchen erreichen mit ihren Botschaften und Glaubensformen immer weniger Menschen. Der Sinn technologischer Großprojekte, die der beschleunigten Vernetzung von Ballungszentren dienen sollen, wird selbst von den Privilegierten in Frage gestellt, die davon profitieren sollen. Auf dem Hintergrund wachsender Verdrossenheit über das auf kurzfristige Erfolge beschränkte Denken und Handeln unserer Politiker und Wirtschaftsführer schießen lokale und regionale Widerstandsbewegungen wie Pilze aus dem Boden. Das von Ivan Illich und anderen vor 30 Jahren in die Debatte geworfene „NEIN DANKE“ wird zu einem weltweit unüberhörbaren Einspruch.

Aber ist diese Krise nur Zeichen des Untergangs eines Zeitalters oder birgt sie in sich auch die Chance einer radikalen Neuorientierung? Mit welchen technologischen Mitteln und kulturell-spirituellen Handlungsformen ist ihr praktisch beizukommen? Und: Wie gehen wir innerlich mit diesen äußeren Krisen um? Reagieren wir wie eine erschreckend zunehmende Zahl von Menschen mit Angst und Depres- sion oder gewinnen wir neue Lebensenergie, wenn wir uns den in den Schatten verdrängten Folgen unserer Lebensweise mit-fühlend zu stellen versuchen, um „anders besser“ zu leben?

Natürlich kann das vorliegende Heft keine Antworten auf all diese Fragen geben, die ja nicht erst seit heute diskutiert werden, sondern auf zahllosen Kongressen und Versammlungen verhandelt wurden und werden, aber auch z.B. seit Jahren unter den Stichworten Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung im Zentrum des konziliaren Prozesses der Weltkirchen stehen. Die zu diesen Themen inzwischen erschienene Literatur ist unüberschaubar geworden.

Was wir mit den hier zusammengestellten Beiträgen versuchen wollen, ist, einerseits den Blick auf die Rolle der weltweiten zivilgesellschaftlichen Initiativen zu lenken und andererseits auf den Zusammenhang dieser Fragen mit neuen Formen weltzugewandter spiritueller Bewusstseinsarbeit hinzuweisen. Wie können wir „innerlich“ unser individuelles Selbst mit dem größeren Ganzen des Lebens auf dieser Erde verbinden und uns im Alltag „äußerlich“ zusammenschließen, um vor Ort neue Handlungsräume für ein besseres Leben zu gewinnen? Aus dieser doppelten Blickrichtung ergibt sich die inhaltliche Gliederung der vorliegenden Ausgabe.

Im ersten Teil des Heftes haben wir vier grundsätzlich orientierende Beiträge zusammengestellt (Sachs, von Lüpke, Macy, Wienand-Kranz), denen wir als praktische Beispiele einer anderen Lebensform vier Interviews mit Mitgliedern bekannter und seit langem bestehender kommunitärer Gemeinschaften unterschiedlicher Ausrichtung gegenüberstellen (Laurentiuskonvent Wethen, Lebensgarten Steyerberg, Kommune Niederkaufungen, Ökodorf Sieben Linden,). In einem dritten Teil folgen zwei forschungsorientierte Beiträge (Integrales Forum, Plesse) sowie einschlägige Rezensionen.

Prof. Dr. Wolfgang Sachs, jahrelang Aufsichtsratsvorsitzender von Greenpeace Deutschland, Leiter des Berliner Büros des Wuppertal Instituts für Umwelt, Klima und Energie und Hauptautor zweier wichtiger Studien (Fair Future. Begrenzte Ressourcen und globale Gerechtigkeit; ein Report und: Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt) sowie einer Reihe international beachteter Schriften zur Kritik des Entwicklungsgedankens, plädiert in seinem Beitrag ‚Klimaschutz und Menschenrechte. Wem gehört, was übrig bleibt?“ unter Berufung „auf die Allgemeinen Menschenrechte für eine kosmopolitisch angelegte Umwelt- und Ressourcenpolitik, um in der Weltgesellschaft Subsistenzbedürfnissen den Vorrang vor Wohlstandsbedürfnissen zu sichern.

Dr. Geseko von Lüpke studierte Politikwissenschaft, Völkerkunde und Journalismus und erforscht und beschreibt seit Jahren spirituelles Wachstum, menschliche Entwicklung, ganzheitliche Weltsicht und nachhaltige Zukunftspolitik. Der scheinbare Widerspruch zwischen politischem Engagement und spirituellem Wachstum führte ihn zur Tiefenökologie. 2009 erschien sein Buch „Zukunft entsteht aus Krise“, das einen wichtigen Anstoß für den thematischen Schwerpunkt dieses Heftes gegeben hat. In seinem Beitrag plädiert er für eine „Politik des Herzens“, eine Integration von politischer Analyse, emotionaler Berührung und spiritueller Verwurzelung.

Joanna Macy Ph.D., die er im folgenden Beitrag interviewt und deren 2009 auf Deutsch erschienenes Buch „Geliebte Erde – gereiftes Selbst“ heißt, ist seit Jahrzehnten als internationale Aktivistin in der Friedens- und Umweltbewegung tätig. Sie gilt als Begründerin der Tiefenökologie und plädiert in ihrem Beitrag auf der Grundlage der Systemtheorie für eine neue Sicht der Wirklichkeit und damit ver- bunden eine kulturelle Wende und eine andere Kultur des Fühlens, in der Medita- tion und soziale oder ökologische Aktion eins werden.

Dr. Dorothee Wienand-Kranz stellt mit der von Ruth Cohn zitierten Frage „Was möchte ich mit TZI?“ die Möglichkeiten der schon recht alten Themenzentrierten Interaktion für ein persönliches, Gruppen- und Weltbewusstsein anhand einiger Beispiele vor.

Besonderen Dank schulden wir unseren vier Interviewpartnern aus vier seit langem bestehenden kommunitären Gemeinschaften, die vor allem unter dem Gesichtspunkt ihres unterschiedlichen Profils ausgewählt wurden. Diese aus Platzgründen sehr knapp gehaltenen Interviews zeigen jedoch, dass es ganz verschiedene Wege auf der Suche nach einem in ökologischer, sozialer, politischer und spiritueller Hinsicht alternativen Lebensstil geben kann.

Unter Forschungsgesichtspunkten haben wir uns entschieden, ein anregendes aktuelles Positionspapier des Integralen Forums e.V. zu einer „Aufgeklärten Spiritualität“ als Prüfstand für spirituelle Lehrerinnen und Lehrer sowie eine praxisorientierte Skizze essenzieller Zugänge aus der Werkstatt von Michael Plesse, Mitbegründer der Orgodynamik®-Methode (1986) und des Seminar- und Ausbildungsnetzwerks „Orgoville International“ – Entwicklung von Essencia® (1998) zur Diskussion zu stellen. (Der zweite Teil seines Textes erscheint im nächsten Heft.)

Edith Zundel, Mitherausgeberin dieser Zeitschrift, ist Ehrenpräsidentin des Integralen Forums, Michael Plesse Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift. Drei einschlägige Rezensionen (Stefanie Evers über Johannes Nikel: Die Mystik der Physik; Inga Fitzner über Maik Hosang: Der Integrale Mensch und Marga Schumacher über Ekkehard Ortmann: Der tiefste Grund ist Grund zur Freude)

schließen sich an.
Angesichts der Ernsthaftigkeit und Tiefe der Themen hoffen wir, Sie, liebe Lese-

rinnen und Leser, durch die eingestreuten Karikaturen auch etwas zu erheitern. Bei der Zusammenstellung dieser Beiträge haben wir selbst viel über unseren eigenen Lebensstil nachgedacht. Über kritische, aber auch zustimmende Leserreaktionen würden wir uns sehr freuen.

Klimaschutz und Menschenrechte Wem gehört, was übrig bleibt?

Wolfgang Sachs

Der Aufstieg der euro-atlantischen Zivilisation als einer Lebensweise, die historisch auf der Ausbeutung fossiler und biotischer Rohstoffe basierte, taugt nicht als globales Modell für das 21. Jahrhundert, dessen Ressourcen- und Umweltkonflikte geprägt sind vom Gegensatz unbegrenzter Nachfrage nach Naturgütern einerseits und endlichem globalem Umweltraum andererseits. Nicht staatliche Machtspiele, nicht wirtschaftlicher Wettkampf, sondern die Verwirk- lichung der Menschenrechte sollte – neben der Achtsamkeit gegenüber der Bio- sphäre – der aufziehenden Weltgesellschaft ihr Gesicht geben. Eine kosmopolitisch angelegte Umwelt- und Ressourcenpolitik wird daher den Rückbau des Ressour- cenverbrauchs in den Industrieländern betreiben, um in der Weltgesellschaft Subsistenzbedürfnissen den Vorrang vor Wohlstandsbedürfnissen zu sichern.

Schlüsselwörter

Globale Ressourcen- und Umweltkonflikte, allgemeine Menschenrechte, Subsistenzbedürfnisse vor Wohlstandsbedürfnissen

Innere Ressourcen für die Zukunft

Geseko v. Lüpke

Während die einen die Welt in ihrem Wachstumswahn am Ende der Zeiten sehen, beschreiben andere die krisenhafte Gegenwart als eine Zeit des Übergangs. Sie scheinen einen Zugang zu einer Kreativität zu haben, die tiefer reicht als die Gier nach Profit, Wachstum, Status und materiellem Glück und aus der Verbundenheit mit einer inneren Kraftquelle schöpft, die aus Schmerz um die Welt Liebe für die Welt macht. Das erfordert von jedem Individuum, seine Sensibilität zu steigern – mehr zu fühlen, mehr wahrzunehmen, mehr zu lieben, um kreativ an der Schöpfung beteiligt zu sein. Dabei wird ein Weltbild sichtbar, das inneres Wachstum und politisches Handeln nicht mehr trennt und rationale Erkenntnis mühelos mit tiefen religiösen Wurzeln verbindet. Viele Aktivisten nähren ihre spirituelle Quelle, indem sie sich dem Schmerz um die bedrohte Welt stellen, durch achtsame Annähe- rung an das Verdrängte neue Handlungsenergie und Kraft für eine „Politik des Herzens“ gewinnen. Diese tiefe Form des Mitfühlens verändert etwas an unserer Identität. Das Selbstbild wird größer und man beginnt, sich um die Welt zu sorgen wie um sich selbst. Worum es im Kern also geht, ist die Integration von politischer Analyse, emotionaler Berührung und spiritueller Verwurzelung.

Mehr denn je gilt heute, dass wir die Möglichkeit haben, die Krise als Chance zu nutzen. Die Fähigkeit, die Zukunft für sich zu beanspruchen, ist eine kulturelle Ressource und sollte jedermann zugänglich gemacht werden. Dann wird Zukunft zu einem Akt der Teilhabe und Partizipation, weil jeder an ihr baut.

Schlüsselwörter

Krise der modernen Zivilisation, Überwindung der Spaltung von Spiritualität und Politik, „Politik des Herzens“, Zukunft als Akt der Partizipation

Die Welt als Geliebte

Joanna Macy

Unsere Stellung in der Welt verändert sich grundlegend, wenn wir sie als ein lebendiges System verstehen und uns selbst als Teil eines im weitesten Sinne lebendigen Erdkörpers definieren. Haben wir den Glauben an weiteres industrielles Wachstum erst einmal aufgegeben, erkennen wir, wie bedroht lebende Systeme sind und welche Bedeutung den Bürger-Initiativen rund um den Planeten zukommt, die an einer kulturellen Wende arbeiten. Dazu bedarf es einer anderen Kultur des Fühlens. Unterdrücken wir den Schmerz, den wir für die Welt fühlen, isoliert uns das. Verstehen wir die Welt als ein zusammenhängendes Ganzes und uns als integralen Bestandteil davon, springen wir auf eine neue Ebene der Erfahrung und des Bewusstseins. Alle großen religiösen Traditionen haben damit begonnen, sich wieder mit den Wurzeln einer ganzheitlichen Spiritualität zu beschäftigen, wo die scharfe Trennlinie zwischen dem individuellen Selbst und der ihn umgebenden Welt ebenso verschwimmt wie zwischen Gott und Mensch, Innen und Außen, Himmel und Erde. Statt einer nur nach innen gerichteten Versenkung entsteht damit eine „soziale Mystik“, in der Meditation und soziale oder ökologische Aktion eins werden.

Besonders die wissenschaftlichen Einsichten der modernen Allgemeinen Systemtheorie sind für den westlichen Menschen geeignet, die neuerliche Entdeckung dieses Miteinander-Verbundenseins verständlich zu machen. Psychologisch bewirkt dieser Perspektivenwechsel einen Wandel vom Gefühl der Isolation und Angst hin zu Vertrauen. Es ist ein Wechsel von einer kontrollierenden hin zu einer annehmenden Haltung. Krisen und die damit verbundenen Unsicherheiten haben die Kapazität, uns jenseits der Kontrolle für die Wirklichkeit des Lebens zu wecken. Wenn die Unsicherheit in den Vordergrund gerät, dann legen wir viel größeren Wert auf Beziehungen, können Dankbarkeit für unser Leben in dieser Welt entwickeln und die Chance begrüßen, an dem ‚großen Wandel’, der vor uns liegt, teilzunehmen, und die mit Angst und Verzweiflung gebundene Energie freisetzen, die Welt mit neuen Augen zu sehen.

Schlüsselwörter

Welt als lebendes System, neue Kultur des Fühlens, ganzheitliche Spiritualität, allgemeine Systemtheorie, soziale und ökologische Aktion, Vertrauen angesichts von Unsicherheit

„Was möchte ich mit TZI?“

Dorothee Wienand-Kranz

Die wesentlichen Bausteine der Themenzentrierten Interaktion (TZI) von Ruth Cohn – ICH, WIR, ES, GLOBE – werden aufgezeigt sowie ihre humanistischen Grundlagen dargelegt. Anhand einiger Beispiele von TZI-Seminaren wird die große politische Dimension des Ansatzes hervorgehoben.

Schlüsselwörter

Themenzentrierte Interaktion, Selbstbewusstsein, politisches Bewusstsein, Verantwortungsbewusstsein

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