Artikel der Ausgabe 2/2011:

Thema: Forschung

Editorial

Joachim Galuska, Liane Hofmann, Dorothee Wienand-Kranz

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie halten ein in mehrfacher Hinsicht besonderes Heft in der Hand:

Das herausstechende Merkmal ist wohl die Namensänderung: Bewusstseinswissenschaften – Transpersonale Psychologie und Psychotherapie. Der Grundgedanke besteht darin, mehr das Thema des Bewusstseins in den Vordergrund zu stellen als die transpersonale Orientierung. Die transpersonale Psychologie und Psychotherapie sind mit dem Anspruch angetreten, das Wissen der spirituellen Wege und der Philosophie mit der modernen Psychologie und Psychotherapie zu verbinden. Sie hatten damit von Anfang an einen ganzheitlichen und integrierenden Anspruch. Die Entwicklung des Fachgebietes und auch in der Außenwahrnehmung betonte jedoch den Aspekt der veränderten und höheren Bewusstseinszustände. Von daher wurde die transpersonale Psychologie und Psychotherapie als eine Spezialisierung betrachtet, vielleicht auch aus dem Hintergrund heraus, dass sie sich selbst als vierte Kraft bezeichnete (von Maslow und Sutich begründet). Der Gegenstand der transpersonalen Psychologie und Psychotherapie war schon immer die Weiterentwicklung des Bewusstseins. Insbesondere der wesentlichste Vordenker in diesem Gebiet, Ken Wilber, hat sich ja hauptsächlich mit der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins beschäftigt und ein integrales AQAL-Modell des Bewusstseins entworfen. Die wesentlichsten Beiträge der transpersonalen Bewegung betreffen denn auch die Entwicklungsformen, Stufen und Möglichkeiten des menschlichen Bewusstseins, sowohl individuell als auch kollektiv. Insofern ist die transpersonale Psychologie und Psychotherapie inzwischen Teil einer ganzheitlich verstandenen Bewusstseinswissenschaft. Bewusstseinswissenschaft in diesem Sinne versucht Formen und Strukturen des Bewusstseins zu erkennen und Haltungen, Methoden und Strategien zur Beeinflussung und Veränderung des menschlichen Bewusstseins zu entwickeln. Dies greift dabei sowohl zurück auf die Geisteswissenschaften, einschließlich Psychologie und Psychotherapie, die großen Religionen und spirituellen Wege, als auch die Naturwissenschaften, heute insbesondere die Physik und die Neurobiologie, darüber hinaus auf die Sozialwissenschaften. Es geht hier aber nicht um eine einzelne Perspektive, schon gar nicht um eine Schule oder ein einzelnes Paradigma, sondern um eine auf- geklärte und aufklärende Forschung und Praxis. Eine Bewusstseinswissenschaft ist in diesem Sinne eine Wissenschaft des Weltinnenraumes (s. Artikel von Galuska), um einen Begriff von Rilke zu verwenden. Sie wäre somit ein großes Gegenstück zur Wissenschaft des Äußeren, z.B. auch zur Weltraumforschung. Vielleicht gelingt es hier, wesentliche Einsichten der Menschheit über unser Bewusstsein, unserer Seele und unseren Geist zusammenzutragen und ideologiefreie Methoden und Wege zur Weiterentwicklung des Bewusstseins zu entwickeln.

So gibt dann auch der erste Beitrag von Joachim Galuska einen persönlichen und doch allgemeinen Einstieg in diesen sehr großen Bereich der Bewusstseinswissenschaften.

Des Weiteren ist besonders: Wir haben es gewagt, den Themenschwerpunkt Forschung festzulegen und haben dazu 5 Berichte von Forschungsprojekten aufgenommen, die sich mit dem Thema „Bewusstsein“ im weitesten Sinne beschäftigt haben.

Wir nennen es gewagt, weil uns bewusst ist, dass es Leserinnen und Leser gibt, die diese „nüchternen“ Artikel nicht so mögen. Dennoch ist uns wichtig, die Wissenschaftlichkeit auch mit Empirie darzulegen, nicht nur mit theoretischen Beiträgen.

Und dann haben wir es gewagt, Ihnen mit dem einführenden Überblick über die Grundlagen, Modelle und Visionen von Thilo Hinterberger ein intellektuelles Feuerwerk mit Überlänge zuzumuten, halt einen sehr umfangreichen Überblick über das Forschungsthema „Bewusstsein“. Thilo Hinterberger hat seit März 2010 die Stiftungsprofessur für „Angewandte Bewusstseinswissenschaften“ in Regensburg inne, die von den Heiligenfeld Kliniken, Bad Kissingen gestiftet wurde. Zudem stellt Thilo Hinterberger sich mit diesem Artikel als neues Mitglied des Redaktionsteams dieser Zeitschrift vor.

Gudrun Koch-Göppert ist mit ihrer Arbeit auf Spurensuche über die Bewusstseinszustände von Forscherinnen und Forschern verschiedener Disziplinen während des Forschungsprozesses selbst und hat für diesen Bereich einen Fragebogen entwickelt, den Forscherinnen und Forscher als Rückmeldung und Reflexion für ihren Forschungsprozess nutzen können.

Susann Vorwerk hat mit Hilfe eines von ihr entwickelten Fragebogens Menschen befragt, die Erfahrungen in verschiedenen Tanzkulturen haben, in welchen Bewusstseinszuständen sich die Personen befinden, je nachdem, in welcher Tanzart sie Erfahrungen gesammelt haben.

Liane Hofmann widmet sich in ihrem Forschungsbericht einer umfangreichen Befragung approbierter psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten darüber, ob und in welchem Ausmaß und mit welcher Konnotation Themen im Zusammenhang mit Spiritualität und Religion in ihrer Arbeit und/oder als Person Bedeutung erlangt haben.

In dem Artikel von Christian Rösler finden Sie gleich mehrere kurze Beschreibungen von Forschungsprojekten, die sich mit unterschiedlichen Fragen der Wirksamkeit Jung’scher Psychotherapie auseinandersetzen.

Einen völlig anderen Forschungsansatz zeigt Werner Huth mit der Selbsterforschung seiner Erfahrungen außergewöhnlicher Bewusstseinszustände auf: Er reflektiert und kommentiert einige seiner eigenen Erfahrungen.

Wir hoffen und wünschen Ihnen ein inspirierendes Lesevergnügen.

Weltinnenraum und Bewusstseinswissenschaften
Die Stiftung Bewusstseinswissenschaften

Joachim Galuska

Angesichts der enormen Außenorientierung benötigen wir eine stärkere Erforschung und Berücksichtigung des „Weltinnenraums“ (Rilke). Auch schon Albert Schweitzer litt vor fast 100 Jahren an diesem Ungleichgewicht und entwickelte daraus seine Ehrfurcht vor dem Leben. Der Autor beschreibt, wie er zunehmend in seinem Leben die Ideologisierung der Psychotherapie, der Wissenschaften, der Religionen oder spirituellen Wege kritisierte. Der Begriff des Bewusstseins und mehrperspektivische Modelle wiesen ihm den Weg zu seiner weiteren Entwicklung. Daher gründete er eine eigene Stiftung, um zu einer Erforschung des Bewusstseins, der Bewusstheit, von Bewusstseinstechnologien, Bewusstseinsgestaltung und Bewusstseinskunst beizutragen. Denn das menschliche Bewusstsein macht eine besondere Eigenart unserer Spezies, eine besondere Würde des Menschen aus.

Schlüsselwörter

Bewusstsein, Bewusstseinswissenschaften, Weltinnenraum, Ehrfurcht vor dem Leben, Mehrperspektivität

Bewusstseinswissenschaften – Grundlagen, Modelle und Visionen

Thilo Hinterberger

Für die Aktivitäten des neu geschaffenen Wissenschaftszweigs der Angewandten Bewusstseinswissenschaften möchte ich als Diskussionsgrundlage einige Modelle der Beschreibung des Phänomens Bewusstsein vorstellen, die sich aus der modernen Bewusstseinsforschung ergeben.

Das erste Modell basiert auf der zeitlichen Dynamik der Informationsverarbeitung im Gehirn. Anhand der elektrischen Hirnpotenziale wird die hierarchische Abfolge von Vorgängen der Aufmerksamkeit über Mustererkennung, Kategorisierung, Assoziation bis hin zu Bewertungen und weiterführenden Gedanken beschrieben. Ein weiteres Modell beschreibt den Vorgang der Wahrnehmung als einen Akt der Verinnerlichung, der schließlich zu uns „selbst“ als bewusstem Beobachter führt. Dabei wird deutlich, dass jede Wahrnehmung über das Schauen einer inneren Repräsentation erfolgt, welche sich als reduziertes und interpretiertes Abbild der Welt in uns zeigt.

Aus der Unterscheidung zwischen den Funktionen des Bewusstseins und der subjektiven Qualität der bewussten Wahrnehmung wird deutlich, dass die meisten Funktionen zwar durchaus in einem neurobiologischen Computer wie dem Gehirn realisiert werden können, die subjektive Erfahrung jedoch wesentliche Eigenschaften besitzt, die nur im Innen erlebt werden können und nicht objektivierbar sind. Aus diesen subjektiven Qualitäten leiten sich die wesentlichen Werte des Menschseins ab, wie beispielsweise Verantwortung, Liebe, Mitgefühl, Freiheit, und Würde.

Daher sind die Bewusstseinswissenschaften im Gegensatz zu den Naturwissenschaften aufgefordert, sich der subjektiven Qualitäten ebenso anzunehmen und sich mit besonderer Aufmerksamkeit den daraus ergebenden gesundheitlichen, sozialen und gesellschaftlichen Themen zu widmen.

Schlüsselwörter

Bewusstsein, Neurowissenschaft, Wahrnehmung, Subjektivität

Wissenschaftliches Forschen – Topographie der Bewusstseinszustände

Gudrun Koch-Göppert

Die Dimension des Bewusstseins in Forschungsprozessen kann jetzt anhand des Modells einer allgemeinen Topographie der Bewusstseinszustände der Forscher-Person im Forschungsprozess (MBF) beschrieben werden. Mit dem Forschungsinstrument „Oldenburger Test für Bewusstseinszustände-Forschen“ (OTB-F-32) kann die Forscher-Person ihre diversen Bewusstseinszustände während des Forschens eruieren und den „Wirkfaktor Bewusstsein“ kontrollieren.

Schlüsselwörter

Bewusstseinszustands-spezifisches Forschen, Bewusstseinspotential von ForscherInnen, Kontrolle Wirkfaktor Bewusstsein (OTB-F-32)

Das tanzende Bewusstsein – Veränderung der Alltagswirklichkeit beim Tanzen

Susann Vorwerk, geb. Schwerdtfeger

Der vorliegende Artikel stellt eine empirische Untersuchung vor, die sich mit Aspekten des Wahrnehmens und Erlebens beim Tanzen befasst. Auf Grundlage eines transpersonalen Verständnisses von Bewusstsein als veränderbarer und in unterschiedliche Erlebnisqualitäten differenzierbarer Zustand wurde mit einem neu entwickelten Fragebogen die Wirkung des Tanzens untersucht. Was erleben wir beim Tanzen? Was vollzieht sich im Moment der tänzerischen Bewegung im Bewusstsein? Gibt es, ausgehend von der Annahme eines Alltagsbewusstseins, von diesem abweichende Formen des Wahrnehmens und Erlebens? Kann Tanzen als Instrument einer Bewusstseinsveränderung interpretiert werden?

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen sechs Dimensionen des Erlebens, die beim Tanzen angesprochen werden, sowie drei aus ihnen hervorgehende Bewusstseinsbereiche, die als spezifische Veränderung des alltäglichen Bewusstseinszustandes beschrieben werden und die aufzeigen, warum das Tanzen eine therapeutische Funktion erfüllen kann.

Schlüsselwörter

Tanz, Bewusstsein, Bewusstseinsveränderung, Transperso- nale Psychologie, Tanztherapie

Zur Relevanz von spirituellen Themen für psychotherapeutische Praktiker

Liane Hofmann

Im Rahmen einer bundesweiten, annähernd repräsentativen Erhebung wurden Psychologische Psychotherapeuten zu ihren Einstellungen und Erfahrungen in Hinblick auf die Themenbereiche Spiritualität und Religiosität in der psychotherapeutischen Praxis sowie in ihrem persönlichen Leben befragt. Ein Ausschnitt dieser Erhebung befasste sich mit der Frage, in welchem Maße sich die Psychotherapeuten bis dato mit psychologisch relevanten Fragestellungen im Zusammenhang mit den Themenbereichen Spiritualität und Religiosität befasst hatten und so dies der Fall war, mit welchen spezifischen Inhalten. Die diesbezüglichen Befunde werden vorgestellt und hinsichtlich ihrer Implikationen diskutiert.

Schlüsselwörter

Psychotherapeutenbefragung, Psychotherapie, spirituelle/religiöse Themen, Spiritualität, Religiosität, Psychotherapieausbildung

Die Wirksamkeit der Jung’schen Psychotherapie – ein Überblick über den empirischen Forschungsstand

Christian Roesler

Es wird ein Überblick im Sinne eines reviews über die vorhandenen empirischen Studien zur Wirksamkeit der Jung’schen Psychotherapie gegeben. Die Zusammenfassung der Ergebnisse liefert den Nachweis für die Effektivität (effectiveness) der Jung’schen Psychotherapie. Damit ist erstmals die Wirksamkeit einer Therapiemethode, die dem Transpersonalen Spektrum zugerechnet werden kann, empirisch nachgewiesen.

Schlüsselwörter

Analytische Psychologie, Jung’sche Psychotherapie, Wirksamkeit, Psychotherapieforschung, Effektivität

Selbsterfahrungen mit „außergewöhnlichen“ Bewusstseinszuständen

Werner Huth

Ausgehend von eigenen Erfahrungen werden verschiedene außergewöhnliche Bewusstseinszustände geschildert und interpretiert. Dabei wird gezeigt, dass diese Zustände trotz ihrer großen Bandbreite einen gemeinsamen Kern haben und dass ihr Studium für das Verständnis des Bewusstseins als komplexes, dynamisches System unverzichtbar ist.

Schlüsselwörter

Außergewöhnliche Bewusstseinszustände, Bewusstsein als komplexes, dynamisches System, Alle Quadranten – Alle Stufen (AQAL)

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