Artikel der Ausgabe 2/2012:

Thema: Subjektive Erfahrung als Kompetenzgrundlage

Editorial

Thilo Hinterberger, Harald Piron

Die Beiträge dieses Heftes setzen sich implizit oder explizit kritisch mit dem „modernen“ Kompetenz-Begriff auseinander, wie er im Gesundheitswesen von praktizierenden Psychotherapeuten und Ärzten, in Unternehmensstrukturen und Betrieben und in den meisten anderen Fachbereichen der Wissenschaften als scheinbar objektiver, unanfechtbarer Maßstab das professionelle Handeln steuert und ein- schränkt. Subjektive Erfahrung als Kompetenzgrundlage – so das pointiert provokante Schwerpunktthema dieses Heftes – scheint in einem solchen augenscheinlichen Konsens der Communité Scientifique nicht vorzukommen. Intuitive und empathische Erkenntnisprozesse werden als sträfliche Kunstfehler gewertet und ihre Befürworter denunziert.

Kompetenz ist ein Schlagwort unserer Zeit, mit dem sich Unternehmen und Dienstleister heute gerne schmücken. Dabei wird das Ziel verfolgt, im Wettbewerb bestehen zu können. Doch woher kommt solcherlei Kompetenz und wie wird sie erlangt? Wissen wird vermittelt, geprüft und soll später als Kompetenz gelten. Wann gilt ein Mensch oder ein Unternehmen als kompetent? Wodurch erlangt ein Arzt beispielsweise seine Kompetenz? Sicherlich trägt das Lesen von Fachwissen im entsprechenden Fachgebiet dazu bei. Doch woran misst sich dieses Wissen? Sicher misst es sich daran, ob und wie wir in der Lage sind, damit umzugehen. Und dazu braucht es eigene Erfahrung, die Übung und den Umgang mit der Materie. Kompetent fühlt man sich, wenn man selbst zu diesem Wissen geworden ist. Wenn wir als Subjekte durch unser Sein die individuelle Verbundenheit mit einem Thema demonstrieren, dann werden wir auch objektiv von der Gesellschaft als kompetent wahrgenommen. In diesem Sinne ist die subjektive Erfahrung als Kompetenzgrundlage zu sehen. Doch so unterschiedlich die Erfahrungen einzelner Menschen sind, so unter- schiedlich fallen auch ihre Kompetenzen aus. Daher ist Vorsicht geboten, wenn wir einem Menschen das Etikett ‚kompetent‘ oder ‚inkompetent‘ anheften, da dieses Eti- kett sich stets auf einen willkürlichen, äußeren Maßstab bezieht. Die Kompetenz eines jeden Menschen ist einzigartig und muss individuell entdeckt werden, wenn wir den Wert eines Menschen erkennen und würdigen wollen.

Aus dieser Erkenntnis ergibt sich eine Aufgabe für unsere Gesellschaft und speziell für unser Bildungssystem. Kompetenz ist etwas, das sich nicht allein durch Wissen erschaffen lässt, sondern es braucht die Hingabe jedes Einzelnen zu einem Thema. Daher gilt es, den Menschen in seiner subjektiven Erfahrungswelt und seinen individuellen Zugangsmöglichkeiten in den Mittelpunkt zu stellen.

Die individuellen Kompetenzen, die in unserer heutigen Gesellschaft nötig sind, um sich in einer Welt voller Ungewissheiten persönlich wie beruflich zurechtzufinden, gehen dabei über das Maß des gemeinhin Vermittelten hinaus. Dies führt uns Heinrich Dauber mit seinem Artikel zur ‚Ungewissheitstoleranz als neue Schattenkompetenz‘ auf illustrative Weise vor Augen. Experten und Bürokraten fordern immer neue Kompetenzen. Dauber stellt zur Diskussion, inwieweit es möglich und notwendig ist, die damit einhergehenden fremdbestimmten Kompetenzbeurteilungen zurückzuweisen und ein ‚Recht auf Inkompetenz‘ zu beanspruchen. Hierzu zieht er historische Texte zur Debatte über die ‚Grenzen des Wachstums‘ heran und sucht in der neueren sozialwissenschaftlichen Literatur nach Orientierung.

Das wachsende Interesse von Führungskräften und Wirtschaftsvertreten an christlichen Vereinigungen und Kongressen, an Achtsamkeitspraxis oder Meditation, spiegelt ein Bestreben nach persönlicher Integrität wider, die sich mit den beruflichen Anforderungen einer globalisierten Welt verbinden lässt, einer Welt, die vorwiegend durch eine Orientierung an Gewinnmaximierung und reinem Verwertungsinteresse gekennzeichnet ist. Hartmut-W. Frech geht in seiner Untersuchung der Frage nach, inwiefern eine intensive und kontinuierliche spirituelle Praxis dabei helfen kann, diesen Spagat zu meistern. Die Befragten aus vorwiegend mittelständischen Unternehmen, die einen mindestens 5-jährigen spirituellen Weg hinter sich haben, berichten von einer anfänglich erhöhten Diskrepanz zwischen persönlicher Integrität und beruflichen Anforderungen sowie der Erschließung innerer Kraftquellen und das Entstehen eines tiefen Vertrauens in positive Zukunftsentwicklungen, welche zur Erweiterung der eigenen Erlebens- und Handlungsmöglichkeiten beigetragen haben.

Roland Drews, Katja Boehm und Wilfried Belschner versuchen hier die Konzepte der emotionalen Kompetenz und Intelligenz mit dem Konzept der Achtsamkeit in Verbindung zu bringen. Aus den gefundenen Zusammenhängen wird deutlich, dass gerade unsere Wahrnehmungsfähigkeiten als Grundlage dafür angesehen werden können, wie wir in die Welt treten und mit ihr interagieren können.

Kurt Gemsemer widmet seinen Beitrag der heilsamen Wirkung tieferer Bewusstseinszustände und geht dabei auf das befruchtende Zusammenspiel von Meditation und Psychotherapie ein. Die pathologische Sichtweise wird erweitert und in eine evolutive Perspektive gestellt, indem psychische Störungen als Manifestationen von Hemmnissen der Bewusstseinsentwicklung verstanden werden, denen ein „leidens- bedingter Entwicklungsdruck“ mit Aufforderungscharakter innewohnt. Umgekehrt könne die durch Meditation geförderte Bewusstseinsentwicklung solche Psychopathologien wie Angst und Depression, auf die der Autor hier näher eingeht, hinter sich lassen.

Edgar Harnack hinterfragt kritisch die Grenze zwischen Psychopathologie und veränderten bzw. erweiterten Bewusstseinszuständen am Beispiel der Schizotypie. Ohne eine Gleichsetzung zu favorisieren, stellt er sehr akribisch und fachkundig einige Gemeinsamkeiten heraus, ausgehend von einem Vergleich der Diagnose-Kriterien der Schizotypie mit Merkmalen transpersonaler oder spiritueller Erfahrungen. Fallbeispiele lassen erahnen, dass sich hinter der Diagnose einer schizotypen Störung nicht selten ein Diagnostiker verbirgt, der seine eigenen Ängste vor dem Unbekannten, unhinterfragte Weltanschauungsstereotypien oder ungeklärte bzw. verdrängte Sinnfragen mit einer auf Pathologie-Bücher gestützten, vermeintlichen „Fach-Kompetenz“ unterdrückt, anstatt das Potenzial außergewöhnlicher Wahrnehmungen und Bewusstseinserfahrungen für den Heilungs- und Entwicklungsweg des Klienten zu nutzen.

Über ein höchst innovatives Projekt zur interaktiven Exploration von Forschungsfragen aus der Synthese aus Wissen, persönlicher Erfahrung und gemeinsamem Erleben berichten Thilo Hinterberger und Christina Koller. Das Forschungsretreat „Klang, Rhythmus und Bewusstsein“ eröffnete einen Raum für interdisziplinären, professionsübergreifenden Austausch, an dem sowohl Wissenschaftler und Studenten, als auch Praktizierende, aber auch interessierte Laien teilnahmen. Die Kombination von Inhaltsvermittlung, Selbsterfahrung, experimenteller Beteiligung, Stille und Erfahrungsaustausch erwies sich für die Teilnehmenden als persönlich bereichernd und fruchtbar für die Entwicklung neuer Forschungsfragen.

Ungewissheitstoleranz als neue ‚Schattenkompetenz‘ – Brauchen wir ein ‚Recht auf Inkompetenz‘?

Heinrich Dauber

In einer Welt voller Ungewissheiten und wachsender Abhängigkeit von der Fremdversorgung mit den Gütern und Dienstleistungen der ‚hochentwickelten‘ Industriegesellschaft entscheiden auch in sozialen Bereichen zunehmend Experten darüber, welche Kompetenzen Menschen nachweisen müssen, um ihr persönliches und berufliches Überleben zu sichern. Dazu gehört Ungewissheitstoleranz als neue Schattenkompetenz der Subjekte: die Aufforderung, die unplanbare eigene Zukunft ‚aktiv‘ zu gestalten. Im Gegensatz dazu sich selbst im Blick auf die eigene und die gesellschaftliche Situation für zuständig, urteilsfähig und handlungsfähig zu erklären, kann bedeuten, fremdbestimmte Kompetenzbeurteilungen zurückzuweisen und ein ‚Recht auf Inkompetenz‘ in Anspruch zu nehmen. Unter Bezug auf alte und neue Ansätze einer Kritik dieser Tendenzen zu umfassender Entmündigung plädiert der Artikel für einen Bewusstseinswandel im Umgang mit äußeren Unwägbarkeiten und inneren Krisen: eine an den Subjekten, ihrem Erleben und ihren Möglichkeiten orientierte Beziehungsgestaltung, die geprägt ist von Respekt und Wertschätzung sowie der Anerkennung von Fehlerfreundlichkeit und der Grenzen äußeren Wachstums.

Schlüsselwörter

Ungewissheitstoleranz, Kompetenzbegriff, Recht auf Inkompetenz, Ivan Illich, André Gorz

Die Integrität von Unternehmern und Managern in Führungspositionen

Hartmut-W. Frech

Manager und Führungskräfte, die einen mindestens 5-jährigen spirituellen Weg hinter sich hatten, wurden daraufhin befragt, wie sich ihre spirituellen Erfahrungen in ihrer Wahrnehmung auf ihre persönliche Entwicklung als Führungskräfte, auf die Beziehungen im Betrieb und die Unternehmenskultur auswirkt. Dabei spielte die Frage eine Rolle, ob die intensive und kontinuierliche spirituelle Praxis integres Verhalten von Führungskräften unterstützen kann.

Schlüsselwörter

Spiritualität, spirituelle Schulung, Manager, Führungskräfte, Integrität, Unternehmenskultur

Emotionale Intelligenz/Kompetenz und das Prinzip der Achtsamkeit.
Analoge oder unterschiedliche Konzepte?

Roland Drews, Katja Boehm, Wilfried Belschner

Die Psychologie verfügt als wissenschaftliche Disziplin über ein umfangreiches Repertoire an Konzepten, Modellen und Theorien. Vor diesem Hintergrund erschien es sinnvoll, die Konzepte der „Emotionalen Intelligenz/Kompetenz“ bzw. der „Achtsamkeit“ dahingehend zu untersuchen, ob sie sich in einer gemeinsamen Schnittmenge überschneiden und die terminologisch behauptete Eigenständigkeit der Konzepte nach einer empirischen Überprüfung aufrechterhalten werden kann. Zur Überprüfung wurde der Online-Fragebogen EIKA entwickelt (Emotionaler Intelligenz/Kompetenz-Achtsamkeitsfragebogen). Er besteht aus 79 Items, die aus vier thematisch relevanten Tests extrahiert wurden. Mit EIKA konnte eine Gesamtstichprobe von 323 Teilnehmern/innen generiert werden. In der faktoranalytischen Untersuchung der Items zur Erfassung von „Emotionaler Intelligenz/ Kompetenz“ und „Achtsamkeit“ hat sich dabei ein gemeinsamer und übergreifender erster Faktor herauskristallisiert. Somit lässt sich die in den psychometrischen Tests behauptete Eigenständigkeit der beiden Konzepte nicht mehr aufrechterhalten. Mit den Korrelationen zwischen den insgesamt sieben Faktoren konnten sowohl signifikante als auch hochsignifikante Zusammenhänge nachgewiesen werden. Durch den Chi2-Test konnte ein Zusammenhang nochmals bestätigt werden.

Schlüsselwörter

Emotionale Kompetenz, Emotionale Intelligenz, Achtsamkeit

Meditation und Psychotherapie
Die Vertiefung des Bewusstseins als heilende Funktion

Kurt Gemsemer

In dem vorliegenden Vortrag beschäftige ich mich mit dem Zusammenhang von Psychotherapie und Meditation im Arbeitsfeld der psychosomatischen Medizin. Es soll herausgearbeitet werden, wie sich Psychotherapie und Meditation gegenseitig ergänzen und befruchten, ohne sich jeweils ersetzen zu können. Wirksame Schnittstellen von Psychotherapie und Meditation werden im Erlernen von Desidentifikation und in der Entwicklung zunehmender Achtsamkeit erkannt. In der Psychotherapie geschieht dies, um sich von Störungen und Leid zu befreien, wobei unumgänglich Bewusstseinsvertiefung erlernt werden muss und dadurch qualitative strukturelle Bewusstseinsveränderung bei wirksamer Psychotherapie entsteht. In der Meditation ist die Reihenfolge umgekehrt. Hier wird Vertiefung und qualitative Veränderung des Bewusstseins angestrebt. Im Idealfall führt dies zu Befreiung von Leid und Störung, im Regelfall zu Entspannung und verbesserter Gesundheit, was zudem mit der Identifikation mit tieferen und weiteren Bewusstseinsräumen einhergeht, die über das Persönliche hinausgehen. Zwischen Meditation und Psychotherapie liegt also die Polarität eines störungsorientierten Modells und dem einer Salutogenese. Dazwischen befinden sich selbstverständlich viele Übergänge. So hat die Psychotherapie inzwischen viele Aspekte von Ressourcenorientierung und Salutogenese in ihren praktischen Alltag aufgenommen, während in der Meditationspraxis manchmal Störungen auftauchen, die ein therapeutisches Eingreifen erforderlich machen.

Schlüsselwörter

Psychotherapie und Meditation, Psychosomatische Medizin, Desidentifikation, Entwicklung von Achtsamkeit, strukturelle Bewusstseinsveränderung, Salutogenese

Außergewöhnliche Wahrnehmungen und schizotype Sprachmuster im Kreislauf von gesellschaftlicher Ursache und Wirkung

Edgar W. Harnack

Schizotypie ist ein psychopathologisches Konzept, das inhärent mit spirituellen Fragestellungen verbunden erscheint, da es Symptome einschließt, die ebenso gut als Elemente spirituellen Erlebens sui generis gelten können. Während einige Theoretiker deshalb vermuten, dass Schizotypie als gemeinsame Basis von sowohl pathologischen als auch außergewöhnlichen Erlebensweisen (AgE) gelten kann, zeigt die vorliegende Fallvignette, dass nicht als spirituelle Erlebensweisen erscheinende Symptome von Schizotypie sich aufgrund unverstandener und schlecht aufgefangener spiritueller oder anderer außergewöhnlicher Erfahrungen in der früheren Biographie ausbilden können. Der Umgang der westlichen Gesellschaft mit Menschen, die ungewöhnliche Erlebnisse berichten, muss vor diesem Hintergrund als potentiell krankmachend hinterfragt werden.

Schlüsselwörter

Psychopathologie, spirituelle Erfahrung, paranormale Erfahrung, Außergewöhnliches Erleben (AgE)

Modell Forschungsretreat – Interaktive Generierung von Forschungsfragen aus der Synthese aus Wissen, persönlicher Erfahrung und gemeinsamem Erleben

Christina M. Koller, Thilo Hinterberger

Der Austausch zwischen Wissenschaftlern findet meist durch gegenseitiges Lesen von Publikationen sowie Präsentationen und Gespräche auf Fachkonferenzen statt. Vor allem im Bereich der angewandten Bewusstseinsforschung scheint dies unzureichend zu sein, da hier der Bereich subjektiver und intersubjektiver Erfahrung eine große Rolle spielt. Das Finden und Formulieren neuer und praxisrelevanter Forschungsfragen braucht eine Möglichkeit des kreativen Austausches zwischen Praktikern und Wissenschaftlern. Dafür wurde vom Forschungsbereich Angewandte Bewusstseinswissenschaften beispielhaft zum Thema „Rhythmus, Klang und Bewusstsein“ ein Forschungsretreat veranstaltet. Wesentliche Inhalte waren neben der Vermittlung eines theoretischen Hintergrundes die individuellen Erfahrungsmomente, kollektive Gruppenerfahrungen, der Austausch über subjektives Erleben sowie gemeinsame, quantitativ auswertbare Experimente. Daraus resultierte ein äußerst lebendiger Austausch in einem Feld der gemeinsamen Begeisterung für das Thema.

Schlüsselwörter

Forschungsretreat, Generierung von Forschungsfragen, Klang, Rhythmus, subjektive Erfahrung, gemeinsame Erfahrungsräume

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