Artikel der Ausgabe 2/2014:

Thema: Intuition

Editorial

Markus Hänsel, Dorothee Wienand-Kranz

Das vorliegende Heft konzentriert sich auf den Themenschwerpunkt Intuition, ein Phänomen, das wahrscheinlich jeder schon vielfach selbst erfahren hat und das gleichzeitig eines der zentralen Konzepte der philosophischen sowie spirituellen Traditionen seit der Antike ist. In unserer rational aufgeklärten Welt war Intuition lange Zeit eine wenig beachtete Randerscheinung. Die psychologisch-neurowissenschaftliche Forschung der letzten Jahrzehnte rückte die Beschäftigung mit Intuition jedoch wieder an eine wichtige Stelle im umfassenden Verständnis des menschlichen Geistes. Schließlich scheint Intuition für viele Menschen an Bedeutung zu gewinnen, wenn es darum geht, sich in einer zunehmend komplexen Welt zu bewegen. Es gibt wohl kein Berufsprofil, das nicht den handlungsleitenden Fokus des intuitiven Erfahrungswissens oder dessen kreative Impulse nutzen will.

Die Artikel beleuchten aus verschiedenen konzeptuellen wie auch professionellen Perspektiven zentrale Fragen im Umgang mit Intuition in der heutigen Welt:

  1. Was können wir unter Intuition verstehen?

  2. Was sagt die aktuelle wissenschaftliche Forschung zu Intuition?
  3. Welche Rolle spielt Intuition in einer rational geprägten Berufswelt?
  4. Wie können wir den Zugang zu intuitivem Wissen und Handeln verbessern?

  5. Wie verorten wir Intuition in einem transpersonalen Menschenbild?

Der Artikel von Claus Eurich spannt einen Bogen von den philosophischen Wurzeln des Intuitionsbegriffs hin zu einem integralen Verständnis von Intuition. Die innere Ausrichtung des Geistes, aus der die Intuition entspringt, bedeutet jedoch keine Abkehr vom Intellekt, sie integriert ihn vielmehr und schafft so ein ganz neues Erfahrungs- und Wirkungsfeld. Gleichzeitig geht sie über den reinen Intellekt hinaus, denn sie speist sich nicht nur aus den psychologischen Funktionen wie Erfahrungsgedächtnis, spürendem Gefühl, sondern auch aus transpersonalen Sphären.

Markus Hänsel, unser neues Redaktionsmitglied, gibt zunächst einen knappen Überblick über die wichtigsten Forschungsergebnisse der Psychologie und Neurowissenschaften zu Intuition in den letzten Jahren. Viele der mittlerweile populärwissenschaftlich bekannten Konzepte, wie etwa somatische Marker, implizites Wissen, Heuristiken, tragen nicht nur zum differenzierten Verständnis der Intuition bei – sie tragen auch dazu bei, dass Intuition zunehmend als professionelle Kompetenz Beachtung erfährt, deren vielfältige Funktionen im Artikel dargestellt werden. Schließlich geht die Erfahrung von Intuition aber über das rein Funktionale hinaus – sie ermöglicht vielmehr eine selbsttranszendente Alltagserfahrung, die das rationale Selbstbewusstsein immer wieder erschüttert und gleichzeitig über sich hinauswachsen lässt. Das bewusste Erleben und Erforschen von Intuition trägt so zu einer Evolution des Bewusstseins bei.

Während die Intuition oftmals nur als individuelles Phänomen betrachtet wird, stellt Heinrich Dauber sie in den interaktiven Kontext des Gruppengeschehens. Am Fallbeispiel des Playbacktheaters zeigt er, wie die Agierenden in diesem Setting Zugang zu verschiedenen Bewusstseinsmodi der algorithmischen, emotionalen und nondualen Präsenz herstellen, die eng mit dem intuitiven Erleben verbunden sind. Beobachtungen dieser Art lassen sich nun auf verschiedene Gruppenkontexte übertragen und in einem Modell der „modulierenden Intuition als Kompetenz in Gruppen“ verdichten.

Sabine Poetsch benennt aus ihrer beruflichen Erfahrung heraus die Intuition als spezielles und äußerst wichtiges Führungsinstrument, ohne das Führungskräfte in dieser vielschichtig gewordenen Arbeitswelt nicht mehr auskommen. Sie zeigt 4 Aufmerksamkeitsstufen des Zuhörens auf – die Verhärtung, die Debatte, die Diskussion, die Kreativität - derer sich intelligente Führungskräfte bewusst sein sollten. Erst wenn sich eine Führungskraft im Feld der Kreativität befindet, wird es ihr möglich, sich der Intuition zu öffnen. Durch vier Beispiele aus der Praxis – die ersten 100 Tage, der Arbeits-Alltag, die Meeting-Kultur sowie Umgang mit Entlassung – veranschaulichen ihre Ausführungen.

Der Bericht von Thilo Hinterberger, Helmut Kaiser und Puria Kästele über das Forschungsretreat zum Thema „Zeitgeist, Werte und Bewusstsein“ gehört – streng genommen – nicht zum Schwerpunktthema Intuition. Anhand verschiedener Zugänge – Vortrag, Musik, Rhythmuserleben, Mediation, Naturerlebnisse, Aufstellungsarbeit – näherten sich die Teilnehmenden dem Thema „Werte und Bewusstsein in Verbindung zum jetzigen Zeitgeist“. In dem Bericht wird ein Überblick über die Themen Werte, Zeitgeist, auch in Hinblick auf die musikalische Entwicklung, sowie Wertunterschiede in verschiedenen Kulturen gegeben. In der Länderaufstellung kamen Ressourcen ins Bewusstsein, die Qualität der Beziehungen zwischen einzelnen Ländern bzw. Gebieten sowie die jeweilige Bedürftigkeit. Es entstanden Visionen des Zukunftsgeistes, dessen Fazit lauten könnte: „Es ist genug“.

In der Rubrik „Zur Diskussion“ stellt Wilfried Belschner seine Gedanken zu einer neuen wissenschaftlichen Disziplin und einer neuen Profession vor. In seinem ersten Entwurf macht er seinen Entwicklungsgang dieser Idee des „Kooperativen Werdens“ transparent und hofft auf Anregungen, Veränderungen, Vorschläge, halt Diskussionsbeiträge.

Das Heft beginnt mit einem Glückwunsch des Redaktionsteams an den Gründer und Herausgeber dieser Zeitschrift, Dr. Joachim Galuska.

Wir wünschen ein inspirierendes, vielleicht auch Intuition förderndes Lesevergnügen!  

Zum 60. Geburtstag von Dr. Joachim Galuska im November 2014

Ulla Pfluger-Heist, Harald Piron, Liane Hofmann, Dorothee Wienand-Kranz, Heinrich Dauber, Thilo Hinterberger, Markus Hänsel

Joachim Galuska ist ein Inspirierter, wie alle Menschen, die ihn je getroffen haben, erleben konnten: inspiriert vom Wunsch, einer Medizin und einer Psychologie der Seele zum Durchbruch zu verhelfen, beseelt von der Vision, zur Bewusstseinsforschung, zur Bewusstseinsentwicklung und zur Bewusstseinsgestaltung beizutragen, engagiert und unermüdlich, so auch als Mitbegründer und langjähriger Herausgeber dieser Zeitschrift.

Im selben Jahr, 2014, ist ein Buch von Abraham Maslow zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienen und in diesem Heft rezensiert: eine bemerkenswerte Koinzidenz! Sein Titel, „Jeder Mensch ist ein Mystiker“, erscheint heute wie das Programm, das im Februar 1994 mit dem ersten Kongress in Bad Kissingen eröffnet und in dessen Folge diese Zeitschrift von Joachim Galuska und Edith Zundel ins Leben gerufen wurde; sie erschien im Frühjahr 1995 mit Beiträgen der Mitwirkenden des ersten Heiligenfelder Kongresses. Diese sind seither zu einer beachtlichen Reihe angewachsen und die Zahl der Hefte dieser Zeitschrift ebenso. Beide Gründer haben sich inzwischen aus der aktiven Mitwirkung und auch aus der Herausgeberschaft zurückgezogen.

Der Titel dieses allerersten Kongresses lautete: „Die Person und das Transpersonale“. Eine für damalige Zeiten beachtliche Zahl von fast 400 Menschen hatte sich zu diesem Thema zusammengefunden. Es war eine Zeit großen Aufbruchs, einer spannenden und abenteuerlichen Reise zur Entdeckung neuer Bewusstseinsräume. Wir verstanden uns als Pioniere und wir waren Pioniere, unterwegs, um Neuland der Seele, um den Weltinnenraum zu erschließen. Die transpersonale Bewegung hatte uns Spätachtundsechziger mit Macht ergriffen, wir waren erfüllt von dieser Idee und den tiefgreifenden Erfahrungen mit Innenwelt, die sich eröffneten: die tiefsten und höchsten Möglichkeiten, den spirituellen Kern des Menschseins zu erkunden. Unterwegs auch, um Grenzen zu überwinden und neue Verbindungen zu schaffen zwischen Psychologie, Psychotherapie und anderen Disziplinen, zwischen Wissenschaft und Spiritualität, so dass ein mehrperspektivischer Blick erwachsen könnte.

Alle Pioniere stoßen ins Unbekannte, wo Wege und Stege noch nicht geschaffen sind. Allerlei Strömungen, mancherlei Inspirationen und die verbreitete Rede von der „Bewusstseinserweiterung“ waren anzutreffen – erfahrungsorientiert, erlebnis- willig, spekulativ und im Großen und Ganzen ohne Einordnung. Mit ihrem Erscheinen hat die Zeitschrift für Transpersonale Psychologie und Psychologie – angelehnt an das amerikanische Journal of Transpersonal Psychology – im deutschsprachigen Raum ein Forum eröffnet, das einen Dialog auf wissenschaftlichem Niveau anstoßen und ermöglichen wollte und über viele Jahre einen Beitrag zur theoretischen Fundierung der transpersonalen Psychologie geleistet hat. Inzwischen kann man hier einen Integrationsprozess erkennen. Vieles, was die transpersonalen Schulen als Pioniere erarbeitet hatten, ist seither im Mainstream der Psychotherapie angekommen. Der Blickwinkel ist weiter geworden, die Forschungsfelder haben sich verändert. Das Bewusstsein, die Bewusstseinsfähigkeit als solche ist – auch über die Hirnforschung und die mit ihr aufgeworfenen schwierigen Fragestellungen – in den Fokus getreten.

Den Impuls, deshalb nach fünfzehn Jahren des Erscheinens den Namen unserer Zeitschrift zu verändern in Bewusstseinswissenschaften. Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, hat Joachim Galuska noch gegeben.

Alles Gute zum Geburtstag!  

Schau des Geistes durch den Geist – Die Kraft der Intuition

Claus Eurich

In der menschlichen Intuition wird eine neue Wirklichkeit geboren, die das rationale Alltagsbewusstsein übersteigt. In ihr fließt alles zusammen, was geistig und energetisch im Menschen und in seinem lebendigen Umfeld ruht. Ihr dienen unsere Lebenserfahrungen in der Form des biografischen und des Leibgedächtnisses genauso wie das universale Menschheitsgedächtnis und das kosmische Gedächtnis der Noosphäre. Sie stellt die Verbindung her zwischen Bewusstsein und Unterbewusstem, die Botschaft der Träume und den Schatz der Archetypen inbegriffen. Sie bedient sich im Vorbewusstsein all dessen, was aktuell nicht bewusst ist, es aber einmal war und was wieder aktualisiert werden kann. Und sie macht vor transpersonalen Territorien nicht halt. Intuition können wir nicht zwingen, sie ist eine gegebene Erlebniszeit; aber wir können Grundlagen schaffen, um ihr den Durchbruch zu erleichtern bzw. sie zu fördern, damit sie unser Handeln bereichert. Die Haltung der Achtsamkeit und eine entsprechende innere Ausrichtung stehen dafür.

Schlüsselwörter

Intuition, Integrales Bewusstsein, Vertiefung der Wahrnehmung, neues Erfassen der Wirklichkeit

Intuition als Schlüsselkompetenz im 21. Jahrhundert – Wissenschaftliche Grundlagen, berufliche Anwendung und transrationale Weiterentwicklung

Markus Hänsel

Der Begriff der ‚Intuition‘ findet sich bereits seit rund 2500 Jahren als zentrales Konzept in Philosophie, Erkenntnistheorie und Theologie. Im Zuge der Industrialisierung und Rationalisierung der modernen Gesellschaft wurde die Beschäftigung mit Intuition jedoch allenfalls zum Randthema philosophischer Diskurse degradiert. In den letzten zwei Jahrzehnten konnte man jedoch wieder einen sprunghaften Anstieg des Interesses beobachten. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Intuition hält zunehmend Einzug in die Grundlagenforschung der Psychologie, Kognitions- und Neurowissenschaften und wird damit wieder als ernstzunehmender Faktor im Verstehen des menschlichen Geistes rehabilitiert (vgl. Gigerenzer 2008). Dazu gesellt sich ein Zeitgeist, der es offensichtlich immer leichter macht, Intuition wie auch verwandte Themenfelder wie Emotion, Kreativität und Achtsamkeit im Kontext von Beruf und Wissenschaft zu behandeln. Viele Menschen teilen die Erfahrung, dass wesentliche Erkenntnisse und Entscheidungen nicht nur durch rationale Leistung entstehen, sondern dass intuitives Vorgehen in seinen unterschiedlichen Facetten eine große Bedeutung bei der Bewältigung beruflicher Aufgaben hat und damit als professionelle Kompetenz gelten kann. Schließlich spielt die Integration von Intuition, als komplementärer Pol zur Ratio und Intellekt, eine entscheidende Rolle sowohl für ein zeitgemäßes Verständnis des eigenen Bewusstseins als auch in einer globalen Bewusstseinsevolution, die unsere Epoche maßgeblich prägt.

In dem vorliegenden Beitrag möchte ich drei zentrale Perspektiven auf Intuition darstellen:

  1. Intuition in der psychologischen Grundlagenforschung

  2. Intuition als professionelle Kompetenz im beruflichen Umfeld
  3. Intuition als Teil einer Bewusstseinsevolution

Schlüsselwörter

Grundlagenforschung, Kognitionswissenschaft, intuitive Kompetenz, Bewusstseinsevolution

Intuitive Modulationskompetenz in der Leitung von Gruppen – ein pragmatisches Ausbildungsmodell

Heinrich Dauber

Ausgehend von Merkmalen intuitiven Bewusstseins werden am Beispiel des Playbacktheaters verschiedene Pole der Aufmerksamkeitsrichtung in der Leitung von Gruppen unterschieden. Auf dem Hintergrund theoretischer Überlegungen und praktischer Erfahrungen wird ein einfaches sechspoliges Trainingsmodell vorgestellt, das geeignet erscheint, unterschiedliche Schwerpunkte und Ebenen in der Ausbildung von Gruppenleitern zu unterscheiden und bewusstzumachen.

Schlüsselwörter

Intuitives Bewusstsein, Gruppenleitung in pädagogischen Kontexten, modulierende Aufmerksamkeitshaltungen im Gruppenprozess

Intelligent Leadership: Erfolgsfaktor Intuition

Sabine Poetsch

Die Führungskraft von heute muss komplett andere Ansprüche erfüllen als vor 30 Jahren. Ein neues Führungsverständnis wird benötigt. Personen in leitenden Positionen können nicht mehr im eigenen Interesse handeln, sondern sie müssen ihr Tun an übergeordneten Werten ausrichten. Ein größeres Selbstbewusstsein der Mitarbeiter, nachhaltige Verantwortlichkeit sowie die Finanz- und Wirtschaftsskandale machen dieses Bedürfnis immanent. In diesem Artikel wird ein spezielles Führungsinstrument vorgestellt, welches in der rationalen Managerwelt eher als minderwertig angesehen wird, jedoch schon lange bei erfolgreichen Führungskräften eine wichtige Rolle spielt: die Intuition. Die bewusste Nutzung der Intuition, welche hier u.a. anhand von vier unterschiedlichen Aufmerksamkeitsstufen vorgestellt wird, beschleunigt und vereinfacht Entscheidungs- und Handlungsprozesse. Vier Beispiele zur Umsetzung zeigen auf, wie die bewusste Nutzung der Intuition in der Praxis aussehen kann und so aus Führungskräften Intelligent Leaders macht.

Schlüsselwörter

Führungskraft, Aufmerksamkeit, Leader, Intuition, Achtsamkeit, Intelligenz

Forschungsretreat „Zeitgeist, Werte und Bewusstsein“

Thilo Hinterberger, Helmut C. Kaiser, Puria Kästele

Das diesjährige Forschungsretreat befasste sich mit dem Thema „Zeitgeist, Werte und Bewusstsein“. Ziel war es, das Thema der Werte möglichst vielseitig zu behandeln. Zunächst wurden die Zusammenhänge zwischen grundlegenden menschlichen Werten und den kulturellen Werten als kollektiven Ausdruck erforscht. Auch Rhythmus und Musik war wieder ein zentrales Element und diente als „Spiegel“ zum Studium kultureller Wertesysteme, aber auch der zeitlichen Entwicklung unserer Kulturen. Die Betrachtung global unterschiedlicher kultureller Ausprägungen und deren Beziehungen geschah insbesondere durch eine systemische Aufstellung mit 7 Ländern bzw. Kontinenten. Hier fiel der Fokus auf Afrika, dessen Werteorientierung als diametral verschieden von der der Industrienationen gesehen wurde. Dadurch wurde der Ruf nach Sichtbarkeit, Anerkennung und Beachtung wichtig, nicht nur für den Selbstwert des afrikanischen Kontinents, sondern auch als Chance zur (Re-)Balancierung eines überbetont rationalen Werte- systems unserer eigenen Kultur. Die Integration transrationaler oder auch spirituel- ler Werte wurde als Komplement zu den rationalen Anforderungen herausgearbei- tet. Der Gedanke des stetigen Wachstums wurde auf seine Kompatibilität mit den Lebensprinzipien untersucht und die Grenzen wurden erörtert: Das geschwürhafte Wachstum bezieht sich demnach nicht mehr nur auf Bevölkerung, Technologie und Müll, sondern auch auf Finanzmärkte und neuerdings auf die zu verarbeitenden In- formationsmengen und deren gesundheitliche Folgen. Eine Haltung des Genügens kann hier zu einem neuen heilenden Bewusstsein führen.

Schlüsselwörter

Zeitgeist, Werte, Bewusstsein, Forschungsretreat

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