Artikel der Ausgabe 2/2015:

Thema: Umgang mit Konflikten und Wege zum Frieden

Editorial

Markus Hänsel, Harald Piron

Diese Ausgabe widmet sich einem ebenso aktuellen wie klassischen Thema der Transpersonalen Psychologie und Bewusstseinswissenschaften, dem Umgang mit Konflikt(en) und den Wegen zum Frieden. Täglich erreichen uns neue Nachrichten über Kriege, Konflikte und Krisen zwischen Menschen, Bevölkerungsgruppen, Nationen und Kulturen. Die Bürgerkriege, militärischen Auseinandersetzungen und gewaltvollen Eskalationen in Syrien und den Herkunftsländern anderer Flüchtlinge sind aktuelle Beispiele.

Übliche Strategien der Symptombehandlung und Schadensbegrenzung können die Probleme sicher nicht nachhaltig lösen, auch wenn sie erst einmal nötig sind. Die Herausforderung, trotz großer Unterschiedlichkeiten miteinander in Frieden zu leben als eine Menschheit, eine Welt, erscheint notwendiger denn je. Doch sie erfordert auch eine grundlegende Bewusstseinstransformation, bei der die weitverbreitete ego- und ethnozentrische Sichtweise einer transpersonalen und transkulturellen Perspektive weichen kann.

Die Beiträge in diesem Heft beschäftigen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit den Bedingungen von Konflikten, dem Heilungspotenzial von Krisen und dem Wesen bzw. den vielfältigen Facetten von Frieden. Sowohl wissenschaftliche Grundlagen und Aspekte als auch der Bezug zum inneren Erleben und praktischen Handeln finden Berücksichtigung. Welche sind die eigentlichen Ursachen von Konflikten und wie lassen sich diese beheben? Wie lässt sich Frieden herstellen und aufrechterhalten? Welche Voraussetzungen und Bedingungsfaktoren von Frieden lassen sich spezifizieren? Gibt es einen Frieden oder viele Arten von Frieden? Wird es jemals einen dauerhaften, ununterbrochenen Frieden geben können?

Auf dem von unserem Redaktionsmitglied Thilo Hinterberger organisierten Symposium zu diesem Thema, das am Universitätsklinikum Regensburg im Oktober 2015 stattfand, sprachen hochkarätige Experten über ihre Erkenntnisse, Gedanken und Erfahrungen. Zwei der Redner, Prof. Dr. Wolfgang Dietrich und Susanne Luithlen, konnten auch als Autoren für dieses Themenheft gewonnen werden.

Prof. Dr. Wolfgang Dietrich ist Inhaber des UNESCO Chair for Peace Studies der Universität Innsbruck und Leiter des Masterstudiengangs „MA of Peace, Development, Security and International Conflict Transformation“. In seinem Beitrag skizziert er die Perspektive einer Friedenswissenschaft, die notwendigerweise eine transpersonale und transrationale sein muss. Um persönliche, soziale und kulturelle Konflikte überwinden zu können, die sich einem umfassenden Frieden in den Weg stellen, müsse eine beziehungshafte Perspektive, die Ichbezogenheit und die egozentrische Sprache und Grammatik, die den Verstand prägt, überwunden werden. Wie könnte also eine Sprache aussehen, die das Ego überwindet und zudem die Bereiche des Lebens und Erfahrens berücksichtigt, die jenseits des Verstandes liegen?

Der Aikido-Meister und Gestalttherapeut Winfried Wagner gibt einen tiefgründigen Einblick in die Philosophie des Aikido und zeigt ihre Anwendungspotenziale für allgemeines Konfliktmanagement im Alltag auf. Die friedliche, von Feindseligkeit befreite Geisteshaltung, wie sie im Aikido kultiviert wird, begegnet Konflikten, Angreifern und (potenziellen) Gegnern mit empathischer Aufmerksamkeit. Aggressionen werden nicht einfach mit Gegenaggressionen beantwortet, wie es der Laie vielleicht über den Kampfsport denken mag, sondern mit gewaltloser Besonnenheit. Die Energie des Gegners wird geschickt umgelenkt, so dass sie keinen Schaden hervorrufen kann. Das Zentrum, aus dem solch organische Achtsamkeit gelingen kann, ist nicht der Kopf, sondern der Bauch. Weiterhin geht Winfried Wagner auf die wichtigsten Prinzipien der Konflikttransformation ein.

Dem Thema des Konfliktmanagements bei einem durch Unachtsamkeit und Impulsivität gekennzeichneten Störungsbild, dem sog. Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, widmet sich der Psychotherapeut und Meditationsforscher Harald Piron. Basierend auf seiner Studie zu den Tiefenbereichen der Meditation entwickelte er ein mehrere Stufen umfassendes Training der Aufmerksamkeitsregulation, das er hier im Kontext der AD(H)S-Behandlung vorstellt. In der hitzigen Debatte um die Seriosität dieser Diagnose vertritt er die Ansicht, dass ADHS zwar eine anerkennenswerte und therapiebedürftige psychische Erkrankung ist, andererseits aber auch ein Spiegel oder Vergrößerungsglas für die typischen Probleme unserer heutigen Leistungsgesellschaft darstellt und äußerst sensible Individuen zu Symptomträgern einer Zivilisationskrankheit macht.

Reini Hauser, langjährig erfahrener Psychotherapeut und Coach, stellt in seinem Beitrag den Ansatz der Prozessorientierten Psychologie (nach A. Mindell) und deren praktische Erweiterung ‚World Work‘ vor. In einem begleiteten Gruppenprozess können sich Teams, Gruppen, Organisationen ihren Konflikten und Spannungsfeldern stellen, nicht nur für eine unmittelbare Konfliktlösung, sondern auch, um darin verborgene Entwicklungspotentiale zu erschließen. Der Ansatz sieht die zugrundeliegende spirituelle Kraft in den Konflikten selbst und nutzt verschiedene spezifische Bewusstseins-, Imaginations- und Körpertechniken, um die tieferen Dynamiken des Konflikts zu erkunden. Mit einer tiefen ‚demokratischen‘ Haltung unterstützt die Prozessarbeit den Ausdruck aller Stimmen, Gefühle und Körpererfahrungen der Gruppenteilnehmerinnen und schafft so Zugang zu den Ressourcen und Potentialen, die sich im Konflikt entfalten wollen.

Der Beitrag von Susanne Luithlen verortet eine grundsätzlich menschliche Neigung zu Konflikten in der Polarität von Selbst- und Fremdliebe sowie in der Tendenz zur Projektion ungeliebter eigener Anteile nach außen und in andere Menschen. Auf der Grundlage der Arbeit von H.M. Birckenbach wird der egoistisch motivierten Sicherheitslogik das eher solidarisch ausgerichtete Konzept der Friedenslogik in fünf spezifischen Dimensionen gegenübergestellt. Frieden in sozialen Strukturen entsteht demnach durch ein Anerkennen des Schattens und damit durch die Übernahme der Verantwortung für das, was wir an uns selbst ablehnen und hassen.

Der Kampfkunstlehrer J. Wolters skizziert in seinem Beitrag den Ansatz der Budo-Therapie. Budo als Kampfkunst orientiert sich an der buddhistischen Weisheitslehre und kultiviert durch die konsequente Übung von Körper und Geist Bewusstseins-Zustände wie Glück, Güte und Achtsamkeit. Budo-Therapie versucht mit einem breiten Repertoire an Übungen und Praxisformen sowohl Entspannung und Friedfertigkeit als auch aktivierende und energetisch-offensive Techniken zu vermitteln.

Möge Ihnen dieses Heft viele neue Inspirationen und Impulse für das tägliche Miteinander, im Großen und Kleinen, schenken.

Mit herzlichen Grüßen,

Markus Hänsel, Harald Piron


Das Transpersonale Ich in der Friedenswissenschaft

Wolfgang Dietrich

Da Kriege im Verstand der Menschen entstehen, ist der Verstand auch der Ort, an dem die vielen Frieden erfahren werden müssen, sagt die Präambel zur Verfassung der UNESCO sinngemäß. Der Verstand wird durch Sprache und Grammatik geprägt und drückt sich über Sprache und Grammatik aus. Friede ist ein beziehungshaftes Konstrukt, das alle Bereiche des Menschseins im Inneren wie im Äußeren umfasst und in jeder zwischenmenschlichen Begegnung eine neue Form annehmen kann. Daher liegt der Forschungsauftrag der transrationalen Friedenswissenschaft im Verstehen des menschlichen Verstands und seiner Beziehungen, aber darüber hinaus auch aller jenseits des Verstands liegenden Aspekte des Menschseins, die unsere Beziehungen beeinflussen und bestimmen.

Schlüsselwörter

Verstand, Grammatik, Ich, Beziehungshaftigkeit und Frieden

Aikidô – Prinzipien einer spirituellen Friedenskunst

Winfried Wagner

Eine friedliebende Person ist nicht automatisch friedfertig! Friedfertigkeit hängt davon ab, ob man sein konflikthaftes Verhaltensmuster und darüber hinaus sein Einstellungs- und Gefühlsmuster, welches das Verhalten antreibt, ändern kann. Das impliziert, dass eine konstruktive Konfliktbewältigung und Friedensarbeit a) bestimmter interaktionaler Fertigkeiten, b) der Fähigkeit, seinen eigenen, internen Zustand zu regulieren, und c) einer Selbst- und Bewusstseinsveränderung bedürfen. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, dass die Maßnahmen der interaktionalen Konfliktregulation, der Selbstregulation und der Bewusstseins-Transformation einander ergänzen und stützen. Dies ist im Aikidô der Fall, wie ich in dem folgenden Artikel darstellen will. Aikidô ist im Allgemeinen bekannt als eine japanische Kunst der Selbstverteidigung – u.U. als die gewaltfreie Kunst der Selbstverteidigung überhaupt. Anhand der Silben Ai, Ki und Dô will ich die grundlegenden Prinzipien der Konflikt- und Selbsttransformation im Aikidô aufzeigen, die m.E. auf unterschiedliche Konfliktsituationen des Menschen übertragbar sind. Abschließende Betrachtungen der empirischen Forschungsbefunde zum Aikidô bestätigen im Wesentlichen meine Ausführungen.

Schlüsselwörter

Kontakt, Einfühlung, sensorisch-tonisches Feld, Zentrierung, integrale Lebenspraxis, Selbsttransformation

Meditationsbasiertes Konfliktmanagement bei AD(H)S
Ein transpersonal-verhaltenstherapeutischer Ansatz zur Behandlung von Selbstregulationsdefiziten und Impulskontrollstörungen

Harald Piron

Aufmerksamkeitsdefizitstörungen mit oder ohne Hyperaktivität stellen für viele Ärzte immer noch keine ernst zu nehmende Diagnose dar. Sie werden als Modekrankheiten belächelt, die Patienten gerne vorgeben würden, um Methylphenidat auf Rezept zu bekommen. Die Folge ist eine ärztliche und psychotherapeutische Unterversorgung von AD(H)S-Betroffenen. Diesen wird dann keine adäquate Therapie gewährt, die an ihren tatsächlichen Leiden ansetzt, sondern eine Medikation verordnet, die eigentlich für ein anderes Krankheitsbild gedacht ist, und/ oder eine Psychotherapie durchgeführt, die dem eigentlichen Störungsbild nicht gerecht wird. Dieser Artikel handelt von diesem höchst interessanten Krankheitsbild, das so kennzeichnend für unseren heutigen Zeitgeist ist wie kaum ein anderes, dessen Therapien ebenso umstritten sind wie seine Diagnostik und Ätiologie und dessen Symptome, emotionalen Konflikte und geistigen Potenziale auf eine sehr anschauliche, symbolhafte Weise die Krisen unserer Leistungsgesellschaften und Chancen für deren Überwindung aufzeigen.

Schlüsselwörter

AD(H)S als Symptom der modernen Leistungsgesellschaft, Meditation als Basis für Stress- und Konfliktmanagement, Selbstregulation bei Achtsamkeitsdefiziten, transpersonale Verhaltenstherapie

Worldwork, Konfliktarbeit und Spiritualität

Reini Hauser

Worldwork, eine Entwicklung der Prozessarbeit von Arnold Mindell und Kolleginnen, ist eine Gruppenprozess-Methode für die Arbeit mit Teams, Gruppen und Organisationen sowie sozialen Spannungsfeldern. Sie nützt Bewusstseins- und Körpertechniken in der Arbeit mit Spannungen und Konflikten. Ihre spirituelle Kraft findet sie in den Konflikten selbst, im Entdecken eines gemeinsamen Bodens, einem Gefühl von Kohärenz, das die Parteien eint. Mit einer tiefendemokratischen Haltung unterstützt die Prozessarbeit alle Stimmen, Gefühle und Körpererfahrungen der Gruppen-TeilnehmerInnen und erschließt so ihre Ressourcen und Potentiale. Wesentliche Schlüssel der Methode sind: Bewusstmachen von Rang und Privilegien, Arbeit mit Rollen und Geistrollen, Wahrnehmen von Kommunikationsbarrieren und „heißen Stellen“ im Prozess sowie Entfalten von Essenz- Signalen in Sprache und Körper.

Schlüsselwörter

Prozessarbeit, Worldwork, KonfliktFest©, tiefe Demokratie, Konfliktarbeit, Diversität, Bewusstheit, Körperarbeit, Facilitation, Gruppenprozess, Teamarbeit, Rollen und Geistrollen, Spiritualität, Rang und Privilegien, Realitäts- und Systemebenen, Feld, System, Phänomenologie, Kohärenzsinn

Frieden gestalten in der Gesellschaft Realisierung von Frieden in sozialen Strukturen

Susanne Luithlen

Aus der konflikthaften Grundbedingtheit menschlicher Existenz aufgrund unserer gleich ursprünglichen Selbst- und Fremdliebe, verbunden mit der Neigung zur Projektion ungeliebter eigener Anteile in fremde andere resultiert eine Neigung zu sukzessiver Externalisierung und Verfeindungsneigung. Das Konzept der Sicherheitslogik ist eine nah dem egoistischen Pol verortete Antwort, der Hanne-Margret Birckenbach das Konzept der Friedenslogik als dem solidarischen Pol nähere Alternative anhand von fünf Dimensionen gegenüberstellt. Eine Verortung beider Konzepte im Wertequadrat rückt den jeweiligen „Schatten“ sowie Möglichkeiten kritischer Reflexion in den Blick. Die kapitalistische Logik wirkt als dem egoistischen Pol verhaftetes Hintergrundrauschen, vor dem Frieden in sozialen Strukturen durch ein Anerkennen des Schattens als Verantwortungsübernahme für das gehasste Eigene immer wieder aufs Neue zu bewerkstelligen ist.

Schlüsselwörter

konflikthafte Grundbedingtheit, Selbst- und Fremdliebe, Projektion ungeliebter Selbstanteile, Friedenslogik und Sicherheitslogik, Wertequadrat, Kapitalismus als egoistisches Hintergrundrauschen, den Schatten verantworten

Budo-Therapie
Zur heilenden Wirkung asiatischer Kampfkünste
bei psychiatrisch erkrankten Kindern und Jugendlichen

Jörg-M. Wolters

Es werden die japanischen Budo-Künste hinsichtlich ihrer pädagogischen und therapeutischen Wirksamkeit dargestellt und ihre Anwendung als spezielle „Budo-Therapie“ exemplarisch in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie beschrieben. Dabei wird unterschieden zwischen der Budo-Therapie für expansive Störungsbilder auf der einen und internalisierende Störungsbilder auf der anderen Seite.

Schlüsselwörter

Budo-Therapie, Kampfkunst, Kinder- und Jugendpsychiatrie

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