Artikel der Ausgabe 2/2017:

Thema: Verschiedenes

Editorial

Harald Piron, Dorothee Wienand-Kranz

Ursprünglich geplant wurde ein Themenheft mit dem Titel „Dialog der Religionen“. Es war unser Anliegen, mit diesem Heft einen Beitrag zur Überwindung kultureller und religiöser Grenzen zu leisten und die Botschaft des Dalai Lama, „Das Herz aller Religionen ist eins“, quasi bewusstseinswissenschaftlich aufzuarbeiten. In einer Zeit, wo Protektionismus und Rechtspopulismus wieder „in“ sind, „political correctness“ dagegen „out“ und der Brexit der Engländer so gut wie beschlossen ist, wäre vielleicht eine neue Aufklärungswelle von Nöten, die eine Wirklichkeit im Auge hat, die größer, höher und umfassender ist als jedes einzelne Volk, jede einzelne Nation und Kultur, und die eines transpersonalen, transkulturellen und inter- religiösen Verständnisses bedarf. Doch da einige Autoren nicht geantwortet oder abgesagt hatten, weswegen diese Ausgabe nun viel später als geplant erscheint, haben wir uns schließlich für eine „gemischte“ Ausgabe entschieden. Interessanterweise erscheinen aber die anderen drei Artikel mit den Themen „Meditation an Hochschulen“, „Erkenntniswege nach Ken Wilber“ und „Jung und Aurobindo“ durchaus passend, denn auch bei ihnen geht es um die Entwicklung eines Verständnisses, das die ethnozentrischen und rationalen, auf Abgrenzung, Trennung und Diskriminierung basierenden Perspektiven transzendiert. Somit überlassen wir es Ihnen, ob es sich um ein Themenheft oder ein gemischtes Heft handelt. Es liegt im Auge des Betrachters.

Der Theologe und evangelische Pfarrer Manfred Rompf schlägt religionswissenschaftlich fundierte Brücken zwischen dem Islam und dem Christentum. Er arbeitet wesentliche Gemeinsamkeiten beider Religionen heraus und macht an einigen Textbeispielen der Heiligen Schriften deutlich: Die eigentlichen religiösen Werte, die auf Toleranz, Akzeptanz und Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit und Liebe beruhen, werden von ihren Religionsstiftern als wichtiger erachtet als das gehorsame Befolgen von Regeln. Zum anderen zeigt Manfred Rompf anhand seiner eigenen Projekte auf, wie bspw. dem gemeinsamen Zelebrieren interreligiöser Gottesdienste, dass die scheinbaren Grenzen im Glauben und in der Kultur tatsächlich überwindbar sind. Die sehr gute Resonanz auf diese Angebote beweist, dass es ein tieferes religiöses Bedürfnis nach kultureller Transzendenz gibt, verbunden mit einem Gefühl oder der Erkenntnis, dass Gott zu groß ist, um in nur eine Religion oder Kirche zu passen.

Der langjährige Islamkenner und Islamwissenschaftler Peter Heine gibt uns ausführliche Informationen über die Entwicklung des Islam, seine Verbreitung, seine vielen differierenden Ausprägungen, sodass deutlich wird, dass es den Islam gar nicht gibt. Jedoch gibt es für alle islamischen Strömungen einige wenige Grundregeln sowie fünf Glaubenspflichten: „das Bekenntnis zur Einheit Gottes und die Prophetenschaft Mohammeds, das tägliche fünfmalige Pflichtgebet, das Fasten im Monat Ramadan, das Pflichtalmosen und die Pilgerfahrt nach Mekka.“ Die verschiedenen Interpretationen des Koran, an einem Beispiel erläutert, zeigen, dass der Koran eben auch, wie die Bibel, der Auslegung bedarf, selbst wenn einige Gläubige die Suren wörtlich nehmen und damit angstauslösend wirken. Peter Heine macht auch deutlich, wie sehr der Islam sich in einer lebendigen Entwicklung befindet. So geht er u.a. auch der Frage nach, ob es einen „europäischen“ Islam geben kann. In der Betrachtung der islamischen Mystik, dem Sufismus, wird deutlich, wie ähnlich sich die verschiedenen religiösen Strömungen in ihrer jeweiligen Mystik sind.

In seinem Beitrag mit dem anspielenden Titel auf die derzeitige politische Situation in Deutschland macht Harald Piron Mut, indem er aufzeigt, wie viel lohnender und wachstumsfördernder es ist, sich der kulturellen Herausforderung zu stellen, die sich durch die Flüchtlinge, die in unser Land gekommen sind und noch kommen werden, ergibt. Er erläutert und hinterfragt das Konstrukt der kulturellen Identität, indem er verdeutlicht, wie veränderlich dieses Konstrukt für jedes Individuum im Laufe seiner Entwicklung ist, aber auch für ein Land, und wie fließend die Übergänge zwischen den Kulturen in der Menschheitsgeschichte waren. In einem weiten Bogen zeigt Harald Piron auf, dass wir alle eine „orientalische Vergangenheit“ haben. Auch auf der biologischen Ebene macht er deutlich, dass wir alle miteinander verwandt sind. Durch die Kommentierung der Phasen der Sozialisation nach McGrath wird so klar, wie veränderlich wir sind, das Leben ist und dass zum Wachstum gehört, sein Bewusstsein zu erweitern, und zwar durch die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Herausforderungen.

Brigitte Halewitsch, Fachärztin für psychotherapeutische Medizin, stellt uns mit Carl Gustav Jung und Sri Aurobindo zwei Bewusstheitspioniere vor, die nicht nur aus einem unterschiedlichen Kulturkreis kommen – West und Ost –, sondern auch einen sehr unterschiedlichen soziologischen Hintergrund haben: C.G. Jung war Kind eines sehr streng religiösen Pfarrers und einer Mutter aus wohlhabenden Kreisen. Er durchlief eine gymnasiale Schulbildung und studierte Medizin. Sri Aurobindo, indischer Herkunft, wächst dagegen zunächst als Sozialwaise in einem westlichen Kulturkreis auf und wird seine Eltern, die recht früh starben, nie wiedersehen. Während C.G. Jung als Kind und Jugendlicher eher ängstlich war, scheint Sri Aurobindo hochbegabt und recht selbstbewusst sich nur dem zu widmen, was ihm als richtig erschien. Brigitte Halewitsch zeigt beide Lebens- und Entwicklungswege nacheinander auf, vor allem deren berufliche Entwicklungen: C.G. Jung, der das Konzept der Individuation, der Archetypen und des kollektiven Unbewussten entwickelte, und Sri Aurobindo, der politisch sehr aktiv war, sich selbst Yoga beibrachte, ohne Aufforderung Schüler bekam und schließlich die universelle Stadt Auroville gründete. Als Yogalehrerin gibt Brigitte Halewitsch eine ausführliche Einführung in das integrale Yoga, welches Sri Aurobindo praktizierte und lehrte. Obwohl diese beiden Männer sich nie begegnet sind und wohl auch nichts voneinander gehört hatten, gibt es einige Parallelen, die die Autorin herausarbeitet, so etwa der lebenslange Entfaltungsprozess oder die Versöhnung von Gegensätzen und Ausgleich von Einseitigkeiten.

Der Diplom-Psychologe Tim Glogner widmet sich in seinem Artikel den integralen Erkenntniszugängen innerhalb der Bewusstseinsphilosophie von Ken Wilber. Er geht detailliert auf die drei Erkenntniswege ein, die dem Wilberschen Modell der „drei Augen“ entsprechen. Während die ersten beiden mit dem vorherrschenden Wissenschaftsparadigma abgedeckt werden, bleibt der dritte, kontemplative Erkenntnisweg meist unberücksichtigt oder wird als unwissenschaftlich abgetan. Doch nur er ist imstande, die „tiefere oder höhere oder weitere Struktur oder Ordnung oder Intelligenz“ des Universums unmittelbar zu schauen, die in den verschiedenen Religionen unterschiedlich benannt wird. Relevant für eine Überwindung kulturell-religiöser Schranken ist bei Wilber also vor allem das „kontemplative Auge“. Dieses zusammen mit den beiden anderen bildet in ihrem „wechselseitig bereichernden Miteinander“ die Basis für eine integrale Wissenschaft.

Wie viel ein einzelner engagierter und beseelter Hochschullehrer bewirken kann, zeigt Andreas de Bruin in seinem Bericht über das von ihm entwickelte Münchner Modell. Seit 2010 bietet er an der Hochschule München sowie an der Ludwig-Maximilian-Universität München Kurse und Seminare in der Rubrik „Achtsamkeit und Meditation“ an, und zwar in Zeiten der streng durchgetakteten Bachelor- und Masterstudiengänge. In seinem Artikel beschreibt er die Anfänge, den enormen Zulauf, die Erweiterung seines Angebotes, auch Technisches wie Räume, Materialien. Inzwischen gibt es etliche Forschungsarbeiten in den unterschiedlichen Fachbereichen, so auch Filme. Andreas de Bruin hat eine umfangreiche Bibliothek erstellt, die auch überregional über Fernleihe genutzt werden kann. Sein Modell wird auch in der Presse wahrgenommen. Die Transparenz seines Vorgehens ermöglicht es sehr gut, sein Modell nachzuahmen.

Wir hoffen sehr, dass Sie diese Ausgabe inspiriert und für die Verspätung entschädigt.

Harald Piron und Dorothee Wienand-Kranz

Die Bedeutung der Toleranz im interreligiösen Dialog und in der interreligiösen Begegnung

Manfred Rompf

Toleranz und Akzeptanz gehören in der interreligiösen Begegnung zusammen. Religiöse Toleranz ist die gegenseitige Achtung des Glaubens der anderen und der Religionen untereinander. Ohne Toleranz sind ein echter Dialog und eine friedliche Begegnung nicht möglich. Jesus hat religiöse Toleranz gelebt und gelehrt. Gründe religiöser Intoleranz sind besonders Bibelworte, die den Glauben an Jesus Christus absolut setzen und die Deutung des Kreuzestodes Jesu als Sühneopfer für die Sünden der Menschheit voraussetzen. Wenn der Kreuzestod Jesu zur Vergebung der Sünden nicht erforderlich ist, weil Gott selbst Liebe ist, oder anders gesagt, seine Liebe so groß und bedingungslos ist, dann fällt der Absolutheitsanspruch des Christentums von selbst weg. Worte der Heiligen Schriften – besonders die verbindlichen wie Bibel und Koran – sind auf ihren Kern hin, nämlich auf die Liebe und Barmherzigkeit, zu überprüfen und zu interpretieren. Statt von Mission sollten wir heute in der Begegnung mit anderen Religionen von „dialogischer Toleranz“ sprechen. Gemeinsame Friedensgebete und Gottesdienste sind möglich und werden praktiziert als gelebte religiöse Toleranz.

Schlüsselwörter

Toleranz, Akzeptanz, Dialogische Toleranz, Mission, religiöse Intoleranz, Absolutheitsanspruch, Liebe und Barmherzigkeit, interreligiöse Friedensgebete und Gottesdienste

Gedanken über den Islam

Peter Heine

Der Islam ist die jüngste der Weltreligionen. Seine 1, 5 Mrd. Anhänger leben in einem Raum zwischen Marokko und Indonesien. Er hat im Lauf seiner Geschichte verschiedene Ausprägungen, wie den schiitischen Islam oder das Sufitum und andere, entwickelt, die von sozialen und historischen Bedingungen abhängig waren. Daher sind auch die Interpretationen des Korans vielfältig. Eine Besonderheit des Islams ist das nur gering entwickelte Lehramt, das zu einer Unübersichtlichkeit religiöser und ethischer Praktiken führt. Eine neuere Konsequenz ist die Schwierigkeit islamischer Organisationen in Europa, sich an hierarchische Strukturen im politischen Bereich anzupassen.

Schlüsselwörter

Islam, Korankommentar, Lehramt, Europa, Deutschland

Alternative für das Leben: Transkulturation – das Ende der Flüchtlingskrise

Harald Piron

Nachdem die Begriffe „Flüchtlingskrise“ und „kulturelle Identität“ kritisch unter die Lupe genommen werden, folgt ein interdisziplinärer Potpourri, der das Phänomen der sogenannten Flüchtlingskrise von verschiedenen Seiten her beleuchtet und in eine Makroperspektive einordnet. Dabei geht es weniger um Politik, sondern vielmehr um die Evolution des Bewusstseins und was wir dazu beitragen können.

Schlüsselwörter

Rechtspopulismus als Symptom, Flüchtlingskrise als Chance, Bewusstseinswandel und Evolution, Phasen der Sozialisation, Psychosynthese der Menschheit, transpersonale Entwicklung

Moderne Bewusstseinspioniere mit Wurzeln in westöstlichen Traditionen: Sri Aurobindo – C.G. Jung

Brigitte Halewitsch

Die Biographien und Persönlichkeiten zweier moderner Bewusstseinsforscher aus der 1. Hälfte des 20. Jhs., die sich persönlich nicht kannten, und deren Konzepte eines ganzheitlichen individuellen Entwicklungsweges werden gegenübergestellt, wobei auf Prinzipien des klassischen Yoga verwiesen wird. Der Schweizer Psychiater C.G. Jung entwickelte sein Modell der Individuation. Der aus Bengalen stammende Philosoph Sri Aurobindo hinterließ eine integrale Synthese des Yoga. In beiden Fällen handelt es sich um einen lebenslangen Prozess nach dem Motto „Werde, der du bist“, der auf intensiver Selbsterfahrung beruht und in dem Kreativität eine besondere Rolle zufällt. Letztlich soll sich das Ich dabei der Führung einer inneren Leitinstanz überlassen. Diese Transformation wird als Teil der noch im Gang befindlichen Evolution unserer Spezies begriffen. Die herausgearbeiteten Parallelen lassen sich als Hinweis auf eine entsprechende Matrix zur Selbstentwicklung im menschlichen Genom deuten.

Schlüsselwörter

Bewusstsein, Philosophie, Yoga, Selbsterfahrung, Selbstverwirklichung, Individuation, C.G. Jung, Analytische Psychologie, Sri Aurobindo, Auroville, Psychologie, west-östlicher Kulturaustausch

Integrale Erkenntniszugänge innerhalb der Wilberschen Bewusstseinsphilosophie

Tim Glogner

Der amerikanische Gegenwartsphilosoph Ken Wilber präsentiert unter Bezugnahme auf die prämodernen Weisheitstraditionen und andere namhafte Weisheitslehrer, Philosophen und Psychologen ein ontologisches Modell zum Verständnis (und zur Erforschung) phänomenologischer Realitäten im Zuge der Bewusstseinsevolution. Eine „integrale Landkarte“ kristallisiert sich, welche auf Grund ihrer Komplexität und gleichzeitig einfachen Eleganz sowie einer möglichen praktischen Übertragbarkeit, definitiv zu würdigen ist. Das phänomenale Erleben wird bei Wilber im Zuge von Zustandserfahrungen (im „linken Quadranten“) gegenüber manchen herkömmlichen philosophischen Paradigmen erweitert. Im ontologischen Erfahrungsraum entsteht die Integrationsmöglichkeit von religiöser (spiritueller) oder transpersonaler Erfahrbarkeit.

Schlüsselwörter

Bewusstseinsevolution, Ontogenese, Integrale Psychologie, Transpersonale Erfahrungen, Wege der Erkenntnis, die „drei Augen“ der Erkenntnis

Möglichkeiten der Geistesschulung: Meditation im universitären Kontext? – Das Münchener Modell

Andreas de Bruin

 

An der Hochschule München und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München finden im Rahmen des sogenannten Münchener Modells Lehrveranstaltungen zum Thema „Meditation und Achtsamkeit“ statt. Seit seinen Anfängen im Jahr 2010 wurde das Programm fortwährend erweitert, mittlerweile nehmen pro Semester über 150 Studierende daran teil. Der Artikel beschreibt die Struktur und Implementierung sowie die Teilnahmebedingungen und Lehrinhalte des Münchener Modells. Ebenso werden die bisherigen Ergebnisse beleuchtet.

Schlüsselwörter

Meditation, Achtsamkeit, Intellekt, Intuition, Münchener Modell, Hochschulen, Bildungssystem

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