Veränderungen im Erleben von Ehrfurcht und Dankbarkeit während der Coronapandemie
Befunde einer kontinuierlichen Untersuchung
Zusammenfassung
Menschen machen die Erfahrung, dass sie in bestimmten Situationen oder an bestimmten Orten wie gebannt innehalten, dass sie berührt und bewegt sind von diesem besonderen Augenblick. Dies lässt sich als staunendes Innehalten in Ehrfurcht operationalisieren. Im Vordergrund dieser Untersuchung stand die Frage, wie sich die unterschiedlichen Aspekte dieses Konstrukts im Laufe der COVID-19-Pandemie verändert haben und in welchem Zusammenhang sie zum pandemieassoziierten Belastungserleben, zum Wohlbefinden sowie zu spezifischen Formen der spirituellen Praxis wie Meditation und Gebet stehen. Im Rahmen einer kontinuierlichen Befragung wurden zwischen Juni 2020 bis April 2022 insgesamt 5.144 Personen untersucht. Hierbei zeigte sich, dass im Verlauf der Pandemie die Häufigkeit des Empfindens staunender Ehrfurcht signifikant abnahm, insbesondere die damit assoziierten Gefühle der Dankbarkeit, während das gebannte Innehalten vor der Schönheit der Natur und das Verweilen im Augenblick deutlich schwächere Rückgänge zeigten. Ehrfurcht/Dankbarkeit korrelierte moderat mit Wohlbefinden und schwach invers mit dem Belastungsempfinden sowie moderat positiv mit der Meditations- und Gebetsfrequenz und dem Ideal, sich für eine künftige gerechtere Welt einzusetzen. Die Fähigkeit zu Ehrfurcht/Dankbarkeit scheint für das Besondere im Leben, das dennoch vorhanden ist, zu sensibilisieren – auch und gerade in der Coronapandemie. Und dies scheint denjenigen besser zu gelingen, die spezifische Formen einer spirituellen Praxis haben.