Der Glaube – ein störanfälliges anthropologisches Phänomen
Zusammenfassung
Der Glaube ist ein spezifisch menschliches Phänomen mit zahlreichen Bedeutungen. Dazu gehören das vorpersonale Vermuten „Ich glaube, dass …“ (lateinisch: putare) wie auch das personale und transpersonale „Ich glaube dir …“ (lateinisch: credere). Der Glaube teilt mit anderen spezifisch menschlichen Phänomenen, dass sich eine seiner Vorformen, das Vertrauen, auch bei höher entwickelten Säugetieren findet und dass er störanfällig ist. In reifer Form geht es dabei um eine vertrauensvolle Beziehung zu einem übergeordneten Wesen oder zu einer übergeordneten Idee. Ideologien und Wahn sind missglückte Formen des Glaubens: Während der Gläubige die Wirklichkeit annimmt, klammert der Ideologe sie aus und der Wahnkranke baut sie um. Der Fundamentalismus ist die Sonderform einer Ideologie, die derzeit im Zusammenhang mit einer Krise unserer Gesellschaft besonders aktuell geworden ist. Auch die Meinung, man glaube nichts, ist ein Glaube, nämlich daran, nichts zu glauben.
