Der Glaube – ein störanfälliges anthropologisches Phänomen

  • Werner Huth
Schlüsselwörter: Glaube, Ideologie, Wahn, Psychotherapie

Zusammenfassung

Der Glaube ist ein spezifisch menschliches Phänomen mit zahlreichen Bedeutungen. Dazu gehören das vorpersonale Vermuten „Ich glaube, dass …“ (lateinisch: putare) wie auch das personale und transpersonale „Ich glaube dir …“ (lateinisch: credere). Der Glaube teilt mit anderen spezifisch menschlichen Phänomenen, dass sich eine seiner Vorformen, das Vertrauen, auch bei höher entwickelten Säugetieren findet und dass er störanfällig ist. In reifer Form geht es dabei um eine vertrauensvolle Beziehung zu einem übergeordneten Wesen oder zu einer übergeordneten Idee. Ideologien und Wahn sind missglückte Formen des Glaubens: Während der Gläubige die Wirklichkeit annimmt, klammert der Ideologe sie aus und der Wahnkranke baut sie um. Der Fundamentalismus ist die Sonderform einer Ideologie, die derzeit im Zusammenhang mit einer Krise unserer Gesellschaft besonders aktuell geworden ist. Auch die Meinung, man glaube nichts, ist ein Glaube, nämlich daran, nichts zu glauben.

Autor/innen-Biografie

Werner Huth

Werner Huth, Dr., 1929–2025, war Facharzt für Psychiatrie und Psychoanalytiker mit eigener Praxis in München sowie Meditationslehrer. Von 1973 bis 1991 lehrte er an der Hochschule für Philosophie in München über Grenzgebiete zwischen Anthropologie und Tiefenpsychologie. Auch war er Vertrauensarzt der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern sowie Mitglied des katholischen Beratungsdienstes für kirchliche Berufe. Er hat zahlreiche Bücher verfasst, von denen einige in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

Veröffentlicht
2025-08-03