Editorial

  • Thilo Hinterberger
  • Nike Walter
Schlüsselwörter: Editorial

Zusammenfassung

Liebe Leserinnen und Leser,

Bewusstsein ist unser Organ für Verbundenheit. So ließe sich die Funktion dieses wundersamen Phänomens subjektiver Anteilnahme am Leben beschreiben. Dem lebendigen Individuum genügt es nicht, lediglich funktional mit der Außenwelt in Kontakt zu stehen und mit ihr im Austausch zu sein. Es ist ihm gegeben, einen Spiegel dieser Außenwelt in sich zu tragen – den Spiegel des Bewusstseins.

Dieses Bewusstsein bildet im Menschen die Grundlage für das Erkennen seiner selbst, für das Erkennen und Erfahren der Mitwelt, für sprachliche Kommunikation und für ein wissenschaftliches Verständnis, das weit über die Grenzen des unmittelbaren Erfahrungsbereichs hinausreicht. Zugleich ist es oft ein geheimnisvolles und abenteuerliches Unterfangen: die Tiefen des eigenen Selbst zu erkunden, das zwischenmenschliche Miteinander kreativ zu gestalten oder sich wissenschaftlich mit diesen Phänomenen auseinanderzusetzen.

Vor diesem Hintergrund widmet sich das vorliegende Heft ausgewählten Aspekten unseres bewussten Menschseins und fragt nach den Formen und Bedingungen unserer Verbundenheit mit dem, was wir sind. Den Auftakt bildet das große Mysterium unseres Seins, das wir in unserem Sprachgebrauch „Seele“ nennen – ein Konzept, zu dem viele Kulturen seit Jahrtausenden Vorstellungen entwickelt haben. Birgit Ertl nähert sich diesem Seelenbegriff in fragender und forschender Weise und legt dazu eine kulturübergreifende Übersicht vor.

Obwohl die moderne Psychologie den Seelenbegriff weitgehend hinter sich gelassen hat, stehen wir heute erneut vor grundlegenden Fragen. Die Entwicklung künstlicher Intelligenz zeigt uns, dass funktionale mentale Eigenschaften wie Kognition, Sprache und sogar kreative Prozesse bereits von Computern realisiert werden können. Dadurch wird umso deutlicher, dass jene geheimnisvolle Sphäre, die unserem Denken und unserem Bewusstsein zugrunde liegt, aus tieferliegenden Schichten unseres Seins zu emergieren scheint. Möglicherweise eröffnet sich hier ein neuer wissenschaftlicher Zugang zu dem, was einst „Seele“ genannt wurde.

Im Beitrag „Intelligenz und Bewusstsein“ wird daher eine zeitgemäße Perspektive auf das Wesen emergierender Intelligenz entfaltet – verstanden als Ergebnis von Vernetzung, Austausch und vielschichtiger Verbundenheit. Ziel ist es, eine Ahnung davon zu vermitteln, welche tieferen Dimensionen das Leben jenseits der sichtbaren Biologie in sich trägt.

Diesen eher rationalen Zugang ergänzt Jana Lemke durch die Darstellung ihrer Forschungsarbeiten zu Verbundenheitserfahrungen, die Menschen in der Zurückgezogenheit mit der Natur machen können. Gerade im Rückzug kann sich der Zugang zur Weite des eigenen Bewusstseinsraums öffnen und vertiefen.

Im Kontext von Schule und Bildung hingegen sind Menschen häufig einer Überflutung durch Informationen und soziale Anforderungen ausgesetzt. Hier erweist sich das bewusste Einbeziehen des inneren Bewusstseinsraums als besonders hilfreich. Aus einem reichen Erfahrungsschatz berichtet darüber Vera Kaltwasser in ihrem Beitrag zur Achtsamkeit im Bildungsbereich.

Eine weitere Möglichkeit der Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis stellen Bettina Fischbach und Sandra Rao-Dietrich vor: das Sozialtherapeutische Rollenspiel. Diese vielseitige Methode umfasst eine Sammlung von Spielen und interaktiven Erfahrungsprozessen, die insbesondere in der Arbeit mit Gruppen in unterschiedlichen Kontexten klärend und verbindend wirken können.

Zum Abschluss wird eine möglicherweise provokante These einer mehrschichtigen Kränkungswelle durch die technologischen Entwicklungen formuliert, die jedoch als Ermutigung verstanden sein möchte: Selbst wenn Computer und Maschinen künftig wesentliche menschliche Eigenschaften realisieren, berührt dies nicht die Würde des Menschseins. Denn diese gründet vielmehr in der tiefen Verwobenheit von Geist und Bewusstsein mit dem Lebensurgrund als einem größeren Ganzen.

Alle diese Beiträge berühren auf unterschiedliche Weise die Essenz unseres Seins. Sie laden dazu ein, über die Weite des Menschseins zu meditieren und neue Perspektiven auf Bewusstsein, Verbundenheit und Erkenntnis zu eröffnen.

Wir wünschen Ihnen eine erkenntnisreiche und inspirierende Lesezeit.

Thilo Hinterberger und Nike Walter

Veröffentlicht
2026-06-01